„Wir verjüngen die Belegschaft“, erklärte Anton Ludwig, und seine Stimme klang, als überbringe er mir eine erfreuliche Nachricht. „Ihr Büro räumen Sie bitte bis morgen Mittag. Alles Weitere veranlasst Julia Stein aus der Personalabteilung.“
Zwischen meinen Fingern hielt ich die Tasse mit dem inzwischen kalten Tee. Weißes Porzellan, ein schmaler blauer Rand — vor zwanzig Jahren hatte ich sie von zu Hause mitgebracht. Zwei Jahrzehnte lang hatte sie auf genau dieser Fensterbank gestanden. Und nun sollte ich sie einfach einpacken und mitnehmen.
„Morgen?“, fragte ich nach.
„Morgen“, wiederholte er und lächelte. „Sehen Sie, Hannah Lang, die Zeit bleibt nicht stehen. Wir brauchen frischen Wind. Junge Fachkräfte, mehr Dynamik, einen zeitgemäßen Blick auf die Dinge.“
Er redete weiter, ruhig und selbstzufrieden, während mein Blick auf meiner Tasse ruhte. In meinem Kopf kreiste nur ein einziger Gedanke: Er weiß nichts von dem Anruf.

Anton Ludwig leitete unser regionales Arbeitsvermittlungszentrum erst seit acht Monaten. Er war damals mit einer Aktentasche, teuren Manschettenknöpfen und einer Liste von Mitarbeitern erschienen, die er loswerden wollte. Mein Name stand an zweiter Stelle.
„Machen Sie sich keine Sorgen“, fügte er hinzu und erhob sich bereits. „Wir regeln das anständig. Aufhebungsvertrag, eine kleine Abfindung.“
Klein. Innerlich verzog ich den Mund zu einem spöttischen Lächeln.
„In Ordnung, Anton Ludwig“, sagte ich nur. „Ich habe Sie verstanden.“
Er nickte, offenbar überrascht, dass ich weder in Tränen ausbrach noch anfing zu bitten. Dann wandte er sich um und verließ mein Zimmer.
Ich stellte die Tasse auf den Schreibtisch und griff nach meinem Telefon.
Zweiunddreißig Jahre. So lange arbeitete ich bereits im Bereich der Arbeitsvermittlung. Angefangen hatte ich mit fünfundzwanzig als einfache Sachbearbeiterin in einer kleinen Bezirksstelle. Damals standen in den Büros keine Computer, sondern Karteikästen und Schreibmaschinen. Später wurde ich stellvertretende Leiterin für methodische Arbeit. Drei regionale Verfahrensordnungen hatte ich ausgearbeitet, die anschließend in vier benachbarten Bundesländern nahezu unverändert übernommen wurden. Siebenundvierzig Fachkräfte hatte ich eingearbeitet; zwölf von ihnen saßen inzwischen selbst auf Leitungspositionen.
Anton Ludwig war in ein fertiges System gekommen. In eingespielte Abläufe, in gewachsenes Vertrauen, in Regeln, die ich mit aufgebaut hatte.
Und jetzt wollte er mich mit einer „kleinen Abfindung“ vor die Tür setzen.
Ich öffnete die Kontaktliste meines Telefons und suchte die Nummer heraus, die ich brauchte.
Der Anruf aus dem Ministerium war vor drei Tagen gekommen. Nicht beim Direktor — bei mir persönlich. Theresa Meyer, Leiterin des Referats für Personalpolitik, hatte sich knapp gefasst: „Hannah Lang, wir stellen eine Arbeitsgruppe zur Reform der methodischen Grundlagen zusammen. Ihre Teilnahme ist verpflichtend. Richten Sie sich bitte darauf ein, nächste Woche zu einer Dienstreise nach Berlin zu fahren.“
Ich hatte mich damals bedankt und Anton Ludwig nichts davon gesagt. Zunächst war ich schlicht nicht dazu gekommen. Danach begriff ich, dass es klüger war zu warten.
Und nun hatte sich das Warten gelohnt.
Am folgenden Morgen betrat ich Punkt neun das Zimmer der Personalabteilung. Julia Stein, eine junge Frau mit verängstigten Augen, saß bereits mit einer Dokumentenmappe bereit.
„Hannah Lang“, begann sie leise, „hier ist die Vereinbarung über die Beendigung des Arbeitsverhältnisses … Anton Ludwig sagte, die Abfindung betrage zwei Monatsgehälter.“
Zwei Monatsgehälter. Mein Gehalt lag bei ungefähr 410 Euro. Also insgesamt rund 820 Euro für zweiunddreißig Jahre Arbeit.
„Julia“, sagte ich ruhig, „gib mir die Unterlagen bitte einmal.“
Sie reichte mir die Mappe. Ich schlug sie auf und blätterte Seite für Seite durch. Die Vereinbarung war sauber formuliert. Nichts daran war offen rechtswidrig; es war lediglich ein nüchternes Angebot, sich im gegenseitigen Einvernehmen für lächerlich wenig Geld zu trennen. Ich durfte ablehnen. Dieses Recht hatte ich ohne jeden Zweifel. Doch der Direktor setzte offenbar auf Druck — darauf, dass ich mich erschrecken ließ und unterschrieb.
„Heute werde ich nichts unterzeichnen“, erklärte ich und gab Julia Stein die Mappe zurück.
„Aber Anton Ludwig …“
„Julia, du kennst das Arbeitsrecht. Ein Aufhebungsvertrag beruht auf Freiwilligkeit. Ich darf mir Bedenkzeit nehmen.“ Ich stand auf. „Sag dem Direktor, dass ich um elf bei ihm bin.“
Bis elf Uhr hatte ich alles vorbereitet.
Auf meinem Schreibtisch lagen mehrere Blätter. Ganz oben befand sich ein Ausdruck von der offiziellen Internetseite des Ministeriums.
