„Stefan“, sagte ich leise.
Trotzdem erstarrten alle vier.
„Wenn du schon vor allen Leuten rechnest, dann rechnen wir doch gleich weiter. Wie viel hast du im letzten Jahr für deine Angelausrüstung ausgegeben?“
Er hörte auf zu kauen. Das Stück Fleisch blieb auf halbem Weg zur seinem Mund auf der Gabel stehen.
„Was soll das jetzt…“
„Eintausendvierhundertzwanzig Euro“, sagte ich. „Die neue Rute: dreihundertachtzig. Die Rolle: zweihundertsiebzig. Schnur, Wobbler, Blinker und der ganze Kleinkram: noch einmal zweihundertdreißig im Jahr. Dazu kommt der Sprit für deine Angelfahrten. Neun Touren in einer Saison. Macht weitere sechshundertvierzig Euro für Benzin und Strecke.“
Meine Stimme blieb ruhig. Sachlich. So, wie im Büro, wenn ich bei der Morgenbesprechung die Ausgabenpositionen vorlese.
„Zusammen also zweitausendsechzig Euro für dein Hobby. In einem einzigen Jahr. Mir hast du im selben Zeitraum eintausendzweihundert Euro gegeben. Für Lebensmittel, Medikamente, Putzmittel, Waschmittel. Für alles. Für deine Ruten hast du fast doppelt so viel ausgegeben wie für deine Frau. Und danach bin ich die Verschwenderin?“
Die Stille fiel über den Tisch wie ein schweres Tuch.
Michael Albrecht stellte sein Glas sehr langsam ab. David Sommer räusperte sich und fuhr sich mit der Hand über den Hinterkopf. Sebastian Winter starrte auf den Zaun, als hätte er dieses Stück Holz in seinem ganzen Leben noch nie gesehen.
„Musst du das vor anderen Leuten machen?“ Stefan presste die Worte zwischen den Zähnen hervor. Unter seiner Haut arbeiteten die Kiefermuskeln, hart wie Kieselsteine. „Bist du jetzt völlig…“
„Du hast auch vor anderen Leuten gesprochen“, sagte ich. „Über die Verschwenderin. Das war in Ordnung?“
Er erhob sich. Nicht hastig, sondern langsam. Der Stuhl schabte mit einem Bein über die Fliesen. Dann ging er ins Haus. Die Tür zog er leise hinter sich zu. Fest, kontrolliert. Kein Knall.
Gerade das war am schlimmsten.
Wenn Stefan eine Tür leise schloss, bedeutete das Schweigen. Drei Tage. Eine Woche. So lange, wie er es für angemessen hielt. Strafe durch Stille.
Nach ungefähr fünfzehn Minuten begannen die Männer aufzubrechen. David murmelte ein knappes „Auf Wiedersehen“ und verschwand als Erster. Sebastian nickte nur und ging ebenfalls. Michael Albrecht blieb noch am Gartentor stehen. Er zögerte, trat von einem Fuß auf den anderen und streckte mir schließlich wortlos die Hand entgegen.
Ich nahm sie.
Seine Handfläche war warm, rau und kräftig.
Er sagte nichts.
Und genau das war richtig so.
Ich kehrte in die Laube zurück. Räumte Teller zusammen, stellte sie in eine Wanne, brachte den Müll hinaus. Der Abend war mild. Es roch nach Holzkohle und nach Dill aus dem Beet. Bei den Nachbarn lief ein Radio, leise Musik ohne Worte. Ein ganz normaler Sommerabend.
Nur in mir war es plötzlich so still, als hätte jemand ein Brummen abgeschaltet, das acht Jahre lang ununterbrochen in meinem Kopf gewesen war.
Ich setzte mich allein auf die Bank in der Laube. Die Hände legte ich auf die Knie. Ich wartete darauf, dass sie zitterten.
Sie zitterten nicht.
Sie lagen einfach da. Ruhig. Trocken. Müde Hände, die gearbeitet hatten. Hände einer Buchhalterin. Sie waren es gewohnt, einen Stift zu halten und Zahlen zu ordnen.
Nun hatten sie endlich zu Ende gerechnet.
Das Schweigen dauerte zwei Wochen.
Stefan bewegte sich in der Wohnung wie ein Nachbar in einer Wohngemeinschaft. Frühstück machte er sich, wenn ich schon fast auf dem Weg zur Arbeit war. Zu Abend aß er in der Garage; er hatte den Wasserkocher und die Mikrowelle dorthin gebracht.
Unsere gesamte Kommunikation schrumpfte auf Zettel am Kühlschrank zusammen, festgehalten von einem Magneten mit der Aufschrift „Dem besten Angler“.
„Ruf wegen des Zählers bei der Hausverwaltung an.“
„Waschpulver ist fast leer.“
Ich antwortete auf denselben kleinen Papierstücken.
„Angerufen. Sie kommen am Mittwoch.“
„Waschpulver: 3,40 Euro. Von welchen hundert Euro soll ich das nehmen?“
Den letzten Zettel zerknüllte er und warf ihn in den Mülleimer.
Das Waschpulver kaufte er selbst.
Zum ersten Mal in acht Jahren.
Ich dagegen schlug jeden Abend mein Heft auf. Die Spalten wurden länger. Links standen seine Ausgaben: große Beträge, breite Kolonne, schwere Zahlen. Rechts meine: kleine Summen, ein dünnes Rinnsal. Zwei Welten. Nebeneinander, aber nicht gemeinsam.
Auf der letzten Seite zog ich die Endsumme. Mit rotem Kugelschreiber umrahmte ich sie doppelt.
In acht Jahren hatte ich für seine Kredite siebzehntausendsechshundert Euro überwiesen.
Mein Gehalt von vier Jahren.
Fortgegangen für sein Boot, für den Motor und für diesen Badezuber im Garten, in dem er mit seinen Freunden saß und schwitzte, als wäre das ein Zeichen von Wohlstand.
Er hingegen hatte mir in denselben acht Jahren neuntausendsechshundert Euro gegeben.
Hundert Euro mal sechsundneunzig.
Zum Leben. Für Essen. Für den Haushalt. Für alles.
Ich hatte für ihn beinahe doppelt so viel bezahlt, wie er mir überhaupt zum Existieren gegeben hatte.
Und dann tat ich das, worauf ich drei Monate lang zugelaufen war.
Vielleicht sogar alle acht Jahre.
Ich hörte auf, seine Kredite zu bezahlen.
Beide.
Vollständig.
Ich öffnete die Banking-App. Die gewohnte Summe stand dort: zweihundertdreißig Euro. Mein Finger schwebte einen Moment über dem Bildschirm.
Dann tippte ich auf „Abbrechen“.
Ich löschte den Dauerauftrag.
Und schloss die App.
In der ersten Woche passierte nichts. In der zweiten bekam er eine SMS und löschte sie, ohne sie zu öffnen. In der dritten rief jemand an. Er drückte den Anruf weg, weil er Werbung vermutete. In der vierten Woche klingelte das Telefon erneut. Dann noch einmal. Und noch einmal.
Dieser eine Anruf erwischte ihn im Flur.
Ich stand in der Küche und schälte Kartoffeln. Das Messer glitt in gleichmäßigen Streifen über die Schale. Zwischen uns lag eine Wand, aber jedes Wort kam bei mir an.
„Ja, ich höre. Welche Rückstände? Fünfhundertvierzig Euro? Das muss ein Fehler sein. Meine Frau zahlt… Also… Nein, warten Sie…“
Eine lange Pause folgte.
Ich hörte, wie er das Telefon langsam sinken ließ.
Dann trat er in die Küche. Sein Gesicht war weiß.
