„Hundert Euro“, sagte Stefan Sommer und fächerte die Scheine auf dem Küchentisch auf, als wären es Spielkarten. „Für den ganzen Monat. Das reicht.“
Ich starrte auf das Geld. Zwei Fünfziger. Einer zerknittert, der andere glatt und frisch. Davon sollten Lebensmittel bezahlt werden, Putzmittel, meine Blutdrucktabletten, Fahrkarten und alles Übrige, was man so achtlos „Leben“ nennt.
„Und wenn es nicht reicht?“, fragte ich leise.
„Dann lernst du eben, sparsamer zu sein.“ Er drehte sich nicht einmal zu mir um. Schon zog er seine Jacke über und tastete nach den Garagenschlüsseln. „Andere kommen auch klar und jammern nicht.“
Vor acht Jahren hatte er diesen Satz zum ersten Mal gesagt. „Hör auf, das Geld zum Fenster hinauszuwerfen.“ Damals hatte ich mir Winterstiefel gekauft, für vierzig Euro, von meinem eigenen Lohn. Stefan verhörte mich anderthalb Stunden lang. Wozu neue Schuhe, wenn die alten doch noch irgendwie hielten? Seitdem wiederholte sich jeden Monat dasselbe Ritual: Geld auf den Tisch, eine Summe, dann sein Abgang.

Ich arbeitete als Buchhalterin bei einer Hausverwaltung. Dreihundertachtzig Euro im Monat. Kein Vermögen, aber auch nicht nichts. Nur blieb von meinem Gehalt kaum etwas für mich. Monatlich überwies ich zweihundertdreißig Euro an die Bank – für seine Kredite. Zwei Darlehen, die Stefan Sommer auf seinen Namen aufgenommen hatte. Eines für ein Boot, das andere für den passenden Motor. Bezahlt wurden sie aus irgendeinem Grund von mir.
Wie es dazu gekommen war? Wie alles bei uns: schleichend. Zuerst bat er mich, „nur einmal einzuspringen“, im nächsten Monat würde er es zurückgeben. Er gab nichts zurück. Dann bat er wieder. Und noch einmal. Irgendwann hörte er einfach auf zu zahlen. Die Bank begann bei mir anzurufen, weil ich als Kontaktperson eingetragen war. Ich bekam Angst und überwies. So ging das sechsundneunzig Monate lang.
An jenem Abend kam er aus der Garage zurück und trug einen länglichen Karton unter dem Arm. Die Verpackung war grell bedruckt, mit fremden Schriftzeichen.
„Was ist das?“, fragte ich.
„Eine Angelrute.“ Mit beiden Handflächen strich er über die Schachtel, vorsichtig, fast zärtlich, als streichle er eine Katze. „Carbon. Japanisch. Dreihundertachtzig Euro. Aber so was kauft man für Jahre. Eine Investition.“
Dreihundertachtzig Euro. Mein kompletter Monatslohn. Für mich dagegen blieben hundert Euro, um einen ganzen Monat zu überstehen.
Ich stand am Herd und rührte in einem Topf Suppe aus Hühnerhälsen, weil Hähnchenschenkel nicht ins Budget passten. Der Löffel kratzte über den Topfboden. In meinem Kopf rechnete es von selbst. Berufskrankheit einer Buchhalterin: Man zählt immer, überall, selbst dann, wenn niemand darum bittet.
Dreihundertachtzig für die Angelrute. Zweihundertdreißig für den Kredit. Hundert für mich. Sein Gehalt lag bei achthundertfünfzig Euro. Wohin verschwanden die übrigen hundertvierzig? In Benzin für seinen Geländewagen. In Freitags-Saunagänge mit den Männern. In Kisten Bier. In sein eigenes, bequem eingerichtetes Leben.
Meines war ihm hundert Euro im Monat wert. Weniger als eine einzige Rolle für seine Angel.
In dieser Nacht fand ich keinen Schlaf. Ich lag neben ihm und hörte sein Schnarchen. Später stand ich lautlos auf, ging in die Küche und holte aus der hintersten Schublade ein altes Heft hervor: grün, kariert, noch aus meiner Buchhalterausbildung. Auf die erste Seite schrieb ich: „Januar 2026. Kreditrate S. – 230 €. Von meinem Gehalt.“
Mehr tat ich nicht. Ich traf keine Entscheidung, schmiedete keinen Plan. Ich hielt es nur fest.
Am nächsten Morgen überwies ich zum ersten Mal seit sechsundneunzig Monaten kein Geld an die Bank.
Die App war bereits geöffnet. Der Betrag stand im Feld. Mein Finger schwebte über „Bestätigen“. Fünfzehn Sekunden lang sah ich nur auf den Bildschirm. Dann schloss ich die Anwendung, steckte das Handy in die Tasche und ging zur Arbeit.
Drei Tage später kam eine SMS auf seinem Telefon an. Stefan stand unter der Dusche, das Gerät lag auf dem Küchentisch neben meiner Tasse. Das Display leuchtete auf: „Sehr geehrter Kunde, zu Ihrem Kreditvertrag wurde ein Zahlungsrückstand festgestellt …“
Ich las die Zeile und wandte mich zum Fenster. Als er aus dem Bad kam, nass, nur mit einem Handtuch um die Hüften, griff er sofort nach dem Handy. Seine Augen huschten über den Text. Er verzog das Gesicht, sagte aber nichts. Vermutlich hielt er es für irgendeinen technischen Fehler.
Noch eine Woche verging. Eine gewöhnliche Woche. Frühstück, Arbeit, Abendessen. Er kaufte sich geräucherte Makrele für vier Euro zwanzig das Stück. Ich kochte Buchweizen mit Zwiebeln. Wir saßen am selben Tisch. Er zerlegte den Fisch, zog die goldbraune Haut ab, und der Geruch füllte die ganze Küche. Auf meinem Teller lag Buchweizen. Ohne Butter – Butter war teurer geworden, und hundert Euro dehnen sich nicht beliebig.
Dann kam die Sache mit dem Shampoo.
Ich hatte ein Shampoo für zwei Euro achtzig gekauft. Ein ganz normales aus der Apotheke. Keine Luxusmarke, nichts Importiertes, nichts Modisches – nur eines, von dem meine Kopfhaut nicht brannte und mir keine Schuppen auf die Schultern rieselten. Billige Sorten hatte ich ausprobiert. Drei verschiedene. Von allen juckte mein Kopf so heftig, dass ich mir am liebsten mit den Fingernägeln die Haut heruntergerissen hätte.
Stefan fand den Kassenbon in der Einkaufstüte vom Supermarkt. Nicht in meiner Geldbörse – in der Tüte. Er kontrollierte meine Tüten. Seit acht Jahren.
„Zwei Euro achtzig für Shampoo?“ Er hielt den Bon mit zwei Fingern, als stinke er. „Geht’s noch? Für neunzig Cent gibt es welches. Im Billigmarkt stehen ganze Regale voll.“
„Davon bekomme ich Ausschlag. Das habe ich dir schon erklärt.“
„Unsinn“, sagte er. „Daran gewöhnt man sich. Alle gewöhnen sich daran.“
