Es ging um steigende Preise, um Staus, um Kinder von Bekannten, die „aus völlig unerfindlichen Gründen“ Psychologie studierten, und um Matthias’ Nachbarin, die sich „schon wieder Lippen machen ließ, als wäre sie ein Karpfen“. Julia saß am Rand des Tisches und beobachtete schweigend, wie ihr selbst gebackenes Brot verschwand, wie Matthias ohne ein Wort der Nachfrage ein Glas Letscho öffnete, das sie eigentlich ihrer Tochter hatte mitgeben wollen, und wie Franziska den Kindern Kompott aus genau jenen dünnwandigen Gläsern einschenkte, die noch von ihrer Mutter stammten.
»Matthias, pass bitte mit den Gläsern auf.«
»Was soll denen schon passieren? Ist ja kein Kristall.«
»Eben. Es ist feines Glas. Wenn eins kaputtgeht, bekomme ich so etwas nicht wieder.«
Franziska schnaubte leise. »Julia, redest du gerade wirklich von Gläsern oder eigentlich von deinem Leben?«
»Und du? Machst du gerade einen Witz, oder bist du einfach unverschämt?«
»Kommt darauf an, wie du dich lieber beleidigt fühlen möchtest.«
Matthias öffnete sich ein Bier, nahm einen Schluck und sagte plötzlich, ohne seine Schwester anzusehen:
»Wo wir schon zusammensitzen: Mir fehlen bis zum Gehalt vierhundert Euro. Nur für eine Woche. Könntest du mir das überweisen? In zehn Tagen hast du es zurück.«
Julia lachte kurz auf, trocken und ohne Freude.
»Natürlich. Wie konnte ich nur übersehen, dass dieses ›Du stellst den Kessel, wir bringen die Stimmung‹ bloß die Einleitung war.«
»Was ist denn dabei? Du hast doch Geld. Wohnung verkauft, Haus gekauft, und übrig geblieben ist auch noch was. Ich will es ja nicht behalten.«
»Wird dir eigentlich nie die Zunge lahm davon, ständig mein Geld durchzurechnen? Du hast meine Wohnung nicht verkauft. Und meine Scheidung hast du auch nicht bezahlt.«
»Julia, fang jetzt nicht an. Ich bitte dich als Bruder.«
»Nein, du bittest mich wie einen Geldautomaten. Eine Schwester fragt man wenigstens vorher, wie es ihr geht.«
Franziska lehnte sich zurück und sah Julia über den Rand ihres Glases hinweg an.
»Da haben wir es wieder. Alles dreht sich nur um dich. Er hat ganz normal gefragt. Wenn du nicht willst, sag Nein. Aber ohne diese Aufführung.«
»Gut«, sagte Julia. »Nein.«
Für einen Moment wurde es am Tisch merklich stiller. Sogar die Kinder lösten für eine Sekunde die Augen von ihren Handys.
»Dein Ernst?« Matthias stellte die Flasche ab. »Wegen vierhundert Euro machst du hier so ein Theater?«
»Nicht wegen des Geldes. Sondern weil bei euch längst alles selbstverständlich läuft. Der Garten gehört dir. Der Keller gehört dir. Die Einmachgläser gehören dir. Der Wein gehört dir. Und ich offenbar gleich mit, zur freien Verfügung.«
»Niemand verfügt über dich«, fuhr Matthias auf. »Das bildest du dir alles nur ein.«
»Ach ja? Dann erinnere mich doch bitte: Wer hat meinen Akkuschrauber mitgenommen und ihn mit abgerissenem Knopf zurückgebracht?«
»Der ist eben zufällig kaputtgegangen.«
»Wer hat zwei Kisten Einmachgläser ›nur kurz‹ ausgeliehen und nie wieder zurückgebracht?«
»Herrgott, es waren Gläser.«
»Und wer hat aus meinem Gewächshaus eine ganze Kiste Setzlinge geholt, angeblich für Mamas Beet, ohne mir vorher auch nur Bescheid zu sagen?«
Franziska presste die Lippen zusammen.
»Na wunderbar. Jetzt kommt die Abrechnung.«
»Weil ihr nur Abrechnungen versteht. Solange nichts aufgelistet wird, tut ihr so, als wäre nie etwas gewesen.«
Matthias stand auf, schenkte sich noch Bier nach und sprach nun in einem anderen Ton, flach, hart und mit einer kaum verhohlenen Drohung darin.
»Dann hör du jetzt mal gut zu. Wir kommen nicht hierher, um uns etwas erbetteln zu lassen. Wir lassen dich nicht allein. Während dein Ex sich ein neues Leben zusammenbaut, sind wir da. Und als Dank bekommen wir das hier.«
Julia sah ihren Bruder an, und zum ersten Mal an diesem Tag spürte sie keinen Schmerz, sondern eine müde, beinahe kalte Klarheit. Genau das war es. Die stärkste Waffe der Familie: Eindringen als Fürsorge zu verkaufen. Ein grobes Zugreifen als stützende Hand auszugeben.
»Du bist nicht an meiner Seite, Matthias. Du stehst über mir. Das ist ein Unterschied.«
»Ach, komm. Franziska, schenk Wein ein. Wo hat sie denn die guten Flaschen?«
Julia zuckte zusammen.
»Niemand geht in den Keller.«
»Jetzt stell dich nicht so an. Da unten steht ein Roter, den habe ich gesehen. Mit blauem Etikett. Den machen wir ordentlich auf.«
»Ich habe gesagt: Nein.«
»Warum hebst du eigentlich alles für irgendeinen besonderen Anlass auf?« Matthias ging bereits zur Tür. »Das Leben passiert jetzt. Also trink auch jetzt.«
»Das ist ein Geschenk von Helena Richter. Ich mache ihn nicht deshalb nicht auf, weil ich geizig bin. Sondern weil ich selbst entscheiden möchte, wann ich ihn öffne.«
»Julia, manchmal klingst du, als würde die ganze Welt nur darauf warten, dir irgendetwas wegzunehmen.«
Sie antwortete leise:
»Weil manche genau damit beschäftigt sind.«
Am Abend war das Haus angefüllt mit Hitze, Fleischgeruch, Kinderstimmen und gereiztem Schweigen. Franziska schnitt trotz Julias Bitte drei Pfingstrosen ab, stellte sie in ein leeres Gurkenglas und erklärte, Blumen müssten schließlich „auch etwas leisten“. Lukas Köhler verschüttete Limonade auf dem Sofa. Mia Krause ließ eines von Mutters Gläsern fallen. Es sprang fast lautlos auseinander, wie etwas, das schon zu lange unter Druck gestanden hatte.
»Ist doch nicht schlimm«, sagte Franziska hastig. »Es ist nur ein Gegenstand.«
»Für euch schon«, erwiderte Julia. »Für euch ist bei mir grundsätzlich alles ›nur‹ irgendetwas.«
»Mein Gott, woher kommt denn diese ganze Giftigkeit?« Franziska verlor nun ebenfalls die Beherrschung. »Du lädst uns ein und ziehst dann ein Gesicht.«
»Ich lade euch nicht ein. Ihr stellt mich vor vollendete Tatsachen.«
»Wir sind Familie! Normale Menschen freuen sich, wenn Verwandte zu Besuch kommen.«
»Normale Menschen fragen vorher.«
Über Nacht blieben sie natürlich trotzdem. Die Kinder seien erschöpft, es sei zu spät für die Rückfahrt, und überhaupt, warum solle man sich jetzt noch herumquälen. Julia gab Bettwäsche heraus, zog das Sofa aus, holte Kissen von der Veranda. Matthias schnarchte bereits im Zimmer, während Franziska sich mit Julias teurem Waschgel das Gesicht wusch, weil es ihr „gerade in die Hände gefallen“ war. Julia ging in die Küche und trank ihren Tee im Stehen, wie in einer schlechten Wohngemeinschaft, nur dass diese Wohngemeinschaft ihr eigenes Haus war.
Durch die dünne Wand drangen Stimmen.
»Ich sag dir, wir kriegen sie schon weich«, flüsterte Matthias, allerdings so, dass jedes Wort zu verstehen war. »Sie schreit ein bisschen, dann beruhigt sie sich. Allein ist es für sie sowieso zu schwer.«
»Mir gefällt ihre Laune nicht«, antwortete Franziska. »Beim letzten Mal war sie umgänglicher. Jetzt klammert sie sich ja an jedes einzelne Glas.«
»Das ist Langeweile. Sie hat doch nichts außer ihrem Garten. Ich habe Daniel Schubert schon gesagt, dass er im August mal mit ein paar Leuten fürs Wochenende herkommen kann.«
»Bist du verrückt? Ohne sie zu fragen?«
»Sie wird nicht Nein sagen. Wohin denn mit sich? Sie spielt sich ein bisschen auf und lässt uns dann rein. Hauptsache, sie kann zeigen, wie wichtig sie ist.«
»Pass nur auf, dass du nicht wieder mit dem Geld herausplatzt. Erst muss man sanft vorgehen. Und außerdem … wenn sie einer vorübergehenden Anmeldung zustimmen würde, hätten wir es mit Mias Schule viel leichter.«
Julia stellte ihre Tasse so heftig ab, dass Tee über den Tisch schwappte. Also dort lagen die Wurzeln dieses aufdringlichen „Wir gehören doch zusammen“. Es ging nicht bloß um Grillfleisch. Nicht bloß um frische Luft für die Kinder. Sie brauchten ihr Haus — als Mittel, als Adresse, als kostenlose Fläche, als Kulisse für ein bequemeres Leben.
Bis drei Uhr morgens fand Julia keinen Schlaf.
