»Julia Albrecht, bist du zu Hause? Wir sind schon auf der Umgehungsstraße. Noch vierzig Minuten, dann stehen wir bei dir.«
Julia begriff nicht sofort, was sie stärker traf: dieses selbstverständliche »wir stehen bei dir« oder die gelassene Stimme, mit der ihr Bruder es sagte. Kein »passt es gerade?«, kein »wie geht es dir?«, nicht einmal ein müdes »stören wir?«. Es klang wie eine Verkehrsmeldung, als ginge es um Benzinpreise oder einen Stau an der Kontrollstelle.
»Guten Morgen, Matthias. Dir auch einen schönen Tag. Fragen ist inzwischen wohl aus der Mode gekommen?«
»Ach, jetzt fang nicht gleich an. Wir gehören doch zur Familie. Franziska hat den Kindern frische Luft versprochen, ich habe Fleisch besorgt, wir sitzen ein bisschen zusammen. Dir tut das auch gut, dann ist es nicht so still bei dir.«
»Aha. Ihr habt also schon entschieden, was mir guttut.«

»Julia, bitte, nicht schon am frühen Morgen. Seit deiner Scheidung bist du wie in eine Rüstung gekrochen. Du hockst in deiner Kleingartenkolonie, als wärst du die Nachtwächterin. Wir holen dich wenigstens mal wieder ins Leben zurück.«
Sie wandte den Blick zum Fenster. Draußen lag ihr kleines Grundstück in der Anlage »Am Fluss«: zwei schmale Erdbeerbeete, ein Gewächshaus, der alte Tisch unter dem Apfelbaum, Minze neben der Treppe, der Gartenschlauch, noch nass vom Gießen. All das hatte sie sich in drei Jahren Stück für Stück aufgebaut, so wie man sich selbst wieder zusammensetzt, nachdem man ordentlich und fachgerecht verraten worden ist. Ihr Mann war nicht einfach zu einer anderen Frau gegangen; er war mit der fröhlichen Entschlossenheit eines Mannes gegangen, der sich dabei auch noch für das Opfer hielt. Die Wohnung wurde verkauft, das Geld geteilt, die Kinder waren längst eigene Wege gegangen. Julia kaufte ein Häuschen bei Weilheim und lernte, ohne fremde Hausschuhe im Flur und ohne fremde Beschlüsse über ihr Leben auszukommen.
Nur ihre Verwandtschaft hielt diesen Zustand aus irgendeinem Grund für eine vorübergehende seelische Störung.
»Na gut«, sagte sie schließlich. »Kommt.«
»Siehst du, geht doch. Du stellst den Wasserkocher an, wir bringen die Stimmung mit.«
»Eure Stimmung kostet euch ja ohnehin nichts.«
»Also dann, bis gleich.«
Sie beendete das Gespräch und legte das Handy mit dem Display nach unten auf den Tisch, als sei das Gerät persönlich schuld. In der Küche roch es nach Dill, feuchter Erde und der Marmelade vom Vortag, die sie gerade in Gläser gefüllt hatte. Noch hielt die Stille stand, wie ein letzter Rest Würde nach einem Familienfest. Doch Julia wusste bereits: In spätestens vierzig Minuten würde ihr Hof aussehen wie ein Bahnhofsvorplatz.
Genau so kam es.
»Tante Juliaaa!« Lukas Köhler stürmte als Erster herein und ließ das Gartentor offen stehen. »Geht dein WLAN?«
»Guten Tag, Kinder«, sagte Julia. »Und ja, ich habe euch ebenfalls vermisst. So sehr, dass ich mir nichts sehnlicher gewünscht habe als eine Frage nach dem WLAN.«
»Mama, ich hab doch gesagt, bei Tante Julia ist das Signal besser als bei uns«, rief Lukas bereits von der Veranda.
»Julia, mecker nicht gleich«, sagte Franziska Meyer, während sie sich vom Rücksitz schälte und die Sonnenbrille auf dem Kopf festhielt. »Wir haben dir Pfirsiche mitgebracht. Waren im Angebot, aber sie sind völlig in Ordnung.«
»Vielen Dank. Gab es das Zumachen des Gartentors nicht auch im Sonderangebot?«
»Meine Güte, du bist heute aber stachelig.« Franziska ließ den Blick über den Garten wandern. »Oh, diese Pfingstrosen! Ich schneide mir nachher ein paar Stiele für zu Hause ab, ja? Meine Vase steht leer.«
»Nein. Die habe ich für mich gepflanzt.«
»Für dich und für uns. Wir sind doch keine Fremden.«
Matthias Mayer holte eine Tüte mit eingelegtem Fleisch und eine weitere mit Bier aus dem Kofferraum, stellte beides auf die Treppe und richtete sich auf, als hätte er soeben einen bedeutenden Beitrag zur Zivilisation geleistet.
»Wo ist der Grill? Ich kümmere mich um alles.«
Julia sah ihn mit jener Ruhe an, hinter der der Ärger schon zu kochen begann.
»So wie beim letzten Mal? Als du dich um alles gekümmert hast und ich am nächsten Morgen die Kohlen aus dem Blumenbeet kratzen durfte?«
»Jetzt übertreib nicht, das war einmal.«
»Zweimal.«
»Gut, zweimal. Man muss doch nicht über alles Buch führen.«
»Irgendjemand muss es offenbar. Sonst glaubt ihr am Ende noch, es sei genau so geplant gewesen.«
Mia Krause, die Jüngere, trug bereits einen Teller mit Kirschen aus der Küche davon.
»Tante Julia, darf ich dein Tablet nehmen? Da sind die guten Spiele drauf.«
»Nein.«
»Warum nicht?«
»Weil es mein Tablet ist.«
»Bist du geizig oder was?«
Franziska lachte.
»Hörst du? Das Kind trifft sofort den Kern.«
Julia nahm wortlos den Teller mit den Kirschen, stellte ihn oben auf den Kühlschrank und wandte sich an ihren Bruder.
»Matthias, bleibt ihr diesmal nur bis zum Abend oder wieder so lange, wie es euch gerade einfällt?«
»Mal sehen, wie es läuft«, antwortete er einen Tick zu schnell. »Wenn die Kinder müde werden, bleiben wir eben. In der Stadt ist es stickig, das weißt du doch.«
»Nein, das weiß ich nicht. Ich wohne nicht in der Stadt. Du erklärst ja ohnehin überall, ich käme von hier gar nicht mehr weg.«
»Julia, fängst du schon wieder damit an? Wir wollten uns erholen, und du machst daraus ein Verhör.«
»Ich verhöre niemanden. Ich möchte nur gern wissen, was in meinem Haus passiert.«
»In deinem Haus passiert Familie«, schnitt Matthias ihr das Wort ab. »Keine Revision.«
Eine halbe Stunde später benahm sich diese »Familie«, als bezahle sie die Hypothek für jeden einzelnen Nagel. Lukas lief mit Straßenschuhen durch die Zimmer, Mia schleppte eine Decke hinaus auf den Rasen, und Franziska räumte Gläser und Dosen aus dem Kühlschrank, als prüfe sie einen Warenbestand.
»Julia, was ist das für ein Käse? Ist der teuer?«
»Den hat mir Helena Richter aus Berlin mitgebracht.«
»Dann machen wir ihn auf. Sonst wird er noch schlecht. Solche Sachen darf man nicht einsperren.«
»Franziska, lass ihn stehen.«
»Du benimmst dich wie eine Museumsaufsicht. Immer nur: nicht anfassen, nicht nehmen, nicht dahin gehen. Ehrlich, du könntest dir das Leben viel leichter machen.«
»Das mache ich bereits. Ohne eure Besuche ist es geradezu wunderbar leicht.«
Matthias tat so, als habe er nichts gehört. Er hantierte schon am Grill und rief von dort herüber:
»Julia, wo hast du die Holzkohle? Und den Anzünder. Und ein ordentliches Messer, das hier ist stumpf. Grobes Salz brauche ich auch. Ach ja, und noch ein paar Spieße.«
»Wenn ich das richtig sehe, ist das hier kein Haus, sondern eine Ausgabestelle.«
»Wozu hat man denn Verwandtschaft?«, gab er munter zurück. »Damit man einander hilft.«
»Eine ausgesprochen praktische Formulierung«, sagte Julia. »Nur fließt eure Hilfe merkwürdigerweise immer in dieselbe Richtung.«
Franziska ließ sich in den Liegestuhl sinken, mit der Haltung eines Menschen, der weder vom Gewissen noch von irgendeiner Aufgabe des Tages belastet war.
»Julia, ganz ehrlich, du hast dich da verrannt. Allein ist es schwer, das verstehen wir. Deshalb kommen wir doch. Damit du nicht völlig verwilderst.«
»Verwilderst?« Julia stellte eine Schüssel mit Gurken auf den Tisch. »Nach deiner Logik gibt es also nur zwei Möglichkeiten: Entweder man erträgt die Verwandtschaft auf dem eigenen Kopf, oder man wird zum Waldtier?«
»Verdreh mir nicht die Worte. Ich meine etwas anderes. Seit der Scheidung reagierst du auf alles wie auf einen Angriff. Früher warst du viel weicher.«
»Früher war ich bequemer. Das ist nicht dasselbe.«
Sie setzten sich laut und durcheinander an den Tisch, und sofort brandete das gewohnte Familiengerede los.
