„Ich habe heute sämtliche Zugänge gesperrt. Ab jetzt funktioniert für dich nichts mehr“ — sagte sie ruhig und sah zu, wie seine Fassungslosigkeit wuchs

Endlich frei, stark, würdevoll — ich gehöre mir.
Geschichten

Der letzte Satz, der ihr ins Auge sprang, klang wie eine kalte Berechnung: Er wolle nichts überstürzen, schrieb er, alles müsse sauber beendet werden, damit kein Geld verloren gehe.

Darunter tauchte ein weiterer Kontakt auf. Alena Markovic. Zweiundvierzig, geschieden, Mutter von zwei Kindern. Die Formulierungen glichen sich bis ins Detail: „Bald bin ich frei, halt noch durch.“ – „Der alte Narr ahnt nichts.“ Die Nachrichten endeten abrupt vor drei Monaten, danach herrschte Funkstille.

Marina Kovacs war also nicht die Erste. Sie war lediglich die Nächste in einer Reihe.

Katharina Seidel erstellte ein neues Profil. Kein Foto, kein Name, nur eine leere Hülle. Dann schrieb sie Marina:

Du triffst Dominik Reuter. Aber du bist nicht allein. Vor dir war Alena – hier sind die Beweise. Du bist nicht mehr als die nächste Station. Denk darüber nach.

Sie hängte die Screenshots an, zögerte keinen Moment und schickte alles ab. Als sie das Handy beiseitelegte, raste ihr Herz – nicht aus Angst, sondern aus einem Gefühl von Erleichterung, das sie seit Jahren nicht mehr gespürt hatte.

Dasselbe schickte sie an zwei weitere Empfängerinnen: Marinas engste Freundinnen, jene, die unter jedem Beitrag Herzen verteilten. Mehr brauchte es nicht.

Drei Tage später klingelte ihr Telefon. Unbekannte Nummer.

— Was hast du getan?!

— Die Schlösser ausgetauscht.

— Nicht die Schlösser! Marina! Du hast ihr geschrieben! Du hast alles an ihre Freundinnen verteilt!

Katharina setzte sich auf die Fensterbank. Draußen lief Regen an der Scheibe hinab.

— Ich habe nichts verteilt. Ich habe nur deine Worte weitergegeben. Screenshots. Du hast sie geschrieben, ich habe sie sichtbar gemacht.

Am anderen Ende hörte sie sein angestrengtes Atmen.

— Weißt du eigentlich, was du angerichtet hast? Sie hat es allen erzählt! Die Freundinnen haben es in ihre Stories gepackt, Kollegen haben es gesehen! Alle reden über mich!

— Nicht sie hat dich bloßgestellt. Das hast du selbst getan, als du gleichzeitig zwei Frauen hattest und mich als zahlende Dumme bezeichnet hast.

— Du bist verrückt! Alt, verbittert! Du erträgst es nicht, dass ich gegangen bin!

Katharina ließ ihn reden. Sie unterbrach ihn nicht. In ihr riss der letzte Faden, an dem sie so lange festgehalten hatte.

— Ich bin nicht gegangen. Ich wollte endlich für mich leben. Du warst immer so korrekt, so kalt. Es war unerträglich mit dir.

— Unerträglich war nur, mein Geld für Marina auszugeben. Und davor für Alena.

Stille.

— Woher… hast du mich überwacht?

— Nein. Du hast deine Nachrichten einfach nicht gelöscht. Ich habe sie gelesen.

Ein schwerer Atemzug, müde und wütend zugleich.

— Gut. In Ordnung. Du hast gewonnen. Ich gehe. Lass mich nur noch meine Sachen holen, dann ist es vorbei.

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