„Ich habe heute sämtliche Zugänge gesperrt. Ab jetzt funktioniert für dich nichts mehr“ — sagte sie ruhig und sah zu, wie seine Fassungslosigkeit wuchs

Endlich frei, stark, würdevoll — ich gehöre mir.
Geschichten

„Ist das Geld alle, Häschen?“, fragte er beiläufig.

„Nein“, erwiderte sie ruhig. „Du hast nur keinen Zugriff mehr darauf.“

Kurz nach Mitternacht kam Dominik Reuter in die Wohnung. Sein Mantel trug sein gewohntes Parfum – und darüber lag ein fremder, süßlicher Duft. Katharina Seidel saß am Küchentisch. Vor ihr lag das silberne Armband, jenes Geschenk vom ersten Jahrestag. Seit drei Monaten hatte sie es nicht mehr getragen. Angeblich scheuerte es am Handgelenk.

Als er an ihr vorbeiging, hob sie nicht den Blick. Nur das Klirren seiner Schlüssel durchschnitt die Stille.

„Warum bist du noch wach?“

Sie antwortete nicht. Ihre Augen ruhten auf dem Schmuckstück: leicht abgenutzt, aber unversehrt. Am Morgen hatte sie es in der Schublade gefunden, unter zusammengelegten Socken. Es war nie verloren gewesen. Sie hatte es versteckt.

„Ich bin total erledigt“, sagte er schließlich. „Das Treffen hat sich gezogen, die Partner haben mich ausgequetscht.“

Katharina sah auf. Er war fünfunddreißig, sie sechsundfünfzig. Fünf Jahre lang hatte sie sich eingeredet, er sei nicht wegen ihres Geldes bei ihr.

„Was für ein Treffen?“

Er grinste, öffnete den Kühlschrank.

„Geschäftlich. Du weißt doch, ich starte dieses Projekt. Alles sehr ernst, sehr groß.“

Dieses „Projekt“ finanzierte sie seit einem halben Jahr: ohne Verträge, ohne Resultate. Nur Quittungen – Restaurants, Boutiquen, Tankstellen irgendwo auf dem Land.

Katharina nahm ihr Smartphone, legte es mit dem Display nach oben auf den Tisch. Der Chat mit Marina Kovacs war geöffnet. Er hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, etwas zu verbergen.

„Hör zu, morgen früh muss ich wieder los“, sagte er ungerührt. „Gibst du mir die Karte? Ich habe das Limit ausgeschöpft.“

Katharina lächelte.

„Welche Karte? Die gibt es nicht mehr.“

Seine Stirn legte sich in Falten.

„Wie meinst du das?“

„Ich habe heute sämtliche Zugänge gesperrt. Ab jetzt funktioniert für dich nichts mehr.“

Stille. Er starrte sie an, als spräche sie eine fremde Sprache. Dann setzte er sich ihr gegenüber, auffallend langsam.

„Katharina, was soll das? Wir sind doch eine Familie.“

„Das waren wir.“

Er versuchte zu lächeln, doch es wirkte gezwungen. Seine Hand suchte ihre – sie zog ihre Finger zurück.

„Was ist das für ein kindischer Aufstand? Habe ich dich irgendwie gekränkt? Lass uns vernünftig reden, ich erkläre dir alles.“

„Nicht nötig“, sagte sie leise. „Ich habe alles gelesen.“

Sein Gesicht veränderte sich schlagartig, und in seinem Blick lag etwas, das nichts Gutes verhieß.

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