„Erledigt, Mama. Sie hat unterschrieben. Wohnung und Wagen gehören mir, die Kredite gehen auf sie.“
Constantin Beck sprach laut genug, dass es selbst im Eingangsbereich des Amtsgerichts jeder hören konnte. Er stand direkt neben den schweren Glastüren, das Telefon am Ohr, selbstzufrieden bis ins Mark.
Nur wenige Schritte entfernt hielt Clara Werner eine Mappe an die Brust gepresst. Als Constantin sich umdrehte, sie bemerkte und schief grinste, legte er noch nach:
„Du bist immer noch hier? Los, geh schon. Du musst jetzt arbeiten – die Schulden zahlen sich schließlich nicht von allein.“
Clara erwiderte kein Wort. Sie drehte sich lediglich um und ging den Flur entlang, ohne auch nur einmal zurückzublicken. Constantin folgte ihr mit den Augen, dann wandte er sich wieder seinem Gespräch zu:
„Nein, kein Widerstand. Nicht mal ein Versuch. Hab ich doch gesagt: Am Ende läuft alles so, wie ich es will.“

Vor dem Gerichtsgebäude hielt Clara ein Taxi an und ließ sich ins Café „Leckere Welt“ bringen. Am Fenster saß bereits der Notar Andreas Engel. Statt einer Begrüßung schob er ihr einen versiegelten Umschlag zu.
„Sie haben es geschafft“, sagte er ruhig. „Das hier stammt von Ihrem Vater. Er hat mich vor drei Jahren darum gebeten, es Ihnen erst nach der Scheidung auszuhändigen.“
Clara nahm den Umschlag, öffnete ihn jedoch nicht.
„Er wusste, dass es so kommen würde?“
„Ja. Und er hat vorgesorgt. Alles gehört Ihnen: die Bäckereikette ‚Purer Genuss‘ mit siebzehn Filialen. Juristisch sind Sie seit einem halben Jahr Eigentümerin, aber ich sollte auf diesen Tag warten.“
Andreas Engel legte noch eine dicke, mit einem Gummiband fixierte Akte dazu.
„Und das hier ist eine Sammlung über Ihren Ex-Mann und seine Mutter. Ihr Vater hat zwei Jahre lang Material zusammengetragen. Lesen Sie es in Ruhe und entscheiden Sie selbst, wie es weitergehen soll.“
Clara verstaute Umschlag und Akte in ihrer Tasche, nickte knapp und verließ das Café, ohne den Kaffee anzurühren.
Zuhause öffnete sie den Brief. Die Schrift ihres Vaters war klar, fest – vertraut genug, um ihr die Tränen in die Augen zu treiben.
Clärchen, wenn du das liest, bist du frei. Verzeih mir mein Schweigen. Constantin und seine Mutter haben mich erpresst – eine alte Sache mit dem Finanzamt. Sie drohten, Anzeige zu erstatten, falls ich dich warne. Doch ich war nicht untätig. In der Mappe findest du alles. Vergib nicht. Lebe.
Mit zitternden Fingern schlug Clara die Akte auf. Kontoauszüge. Fotos von Constantin mit Isabella Simon. Ausgedruckte Chats. Überweisungen: von ihren Kreditkarten auf Firmenkonten ihres Mannes, von dort weiter zu Isabella. Miete, Geschenke, Reisen.
Lange starrte sie auf Zahlen und Bilder, dann griff sie zum Handy.
„Zoe? Hier ist Clara Werner. Du hattest doch gesagt, du kannst bei Kreditsachen helfen. Ich brauche dringend einen Termin. Morgen. Ja, es ist wichtig.“
Am nächsten Tag breitete Zoe Schubert, eine Finanzberaterin mit flinken Händen und müdem Blick, mehrere Ausdrucke vor ihr aus.
„Sieh dir das an. Jeder Kredit, den du aufgenommen hast, floss in die Firma deines Mannes. Danach weiter zu Isabella. Das sind nicht deine Schulden, Clara. Das sind seine Ausgaben auf deinen Namen. Du kannst klagen. Das Familienrecht ist da eindeutig: Nimmt ein Ehepartner ohne Zustimmung des anderen Schulden für eigene Zwecke auf, kann er dafür haftbar gemacht werden.“
Clara legte die Akte ihres Vaters auf den Tisch.
„Ich habe Beweise.“
Zoe blätterte, pfiff leise durch die Zähne und sagte trocken:
„Dann ist er erledigt. Juristisch gesehen.“
Zehn Tage später lag eine Vorladung im Briefkasten von Constantin. Er saß in seinem SUV vor dem Haus von Isabella Simon und verstand zunächst nicht, was er las.
„Welche Forderung? Wir haben doch alles geregelt, sie hat unterschrieben!“
Die Stimme des Gerichtsvollziehers blieb kühl und sachlich, als er erklärte, dass die Vereinbarung eine Sache sei, die Verantwortung für zweckentfremdete Kredite jedoch eine andere.
