„So füttert man keinen Ehemann, du Nichtsnutz!“ schrie Mathilda Böhm, und im selben Moment prallte eine schwere, versilberte Suppenkelle von meinem Teller ab und traf mein Handgelenk mit voller Wucht.
Ich hob den Blick zur Küchenuhr. Halb zwei. Exakt neun Stunden blieben dieser Dame noch in meiner Wohnung.
Stellt euch die Szene vor: Wir sitzen beim Mittagessen. Eine solche Stille, dass man draußen an der Elbe sogar eine Möwe kreischen hört.
Drei Stunden hatte ich an diesem Borschtsch gekocht. Mit Knochen, langsam ausgezogen. Die Rote Bete hatte ich zuvor in Alufolie im Ofen gegart, damit sie diese satte, tiefe Farbe bekommt – ihr wisst schon, dieses dichte Rubinrot. In Dresden ist das Licht oft grau genug, also soll wenigstens auf meinem Herd etwas leuchten.
Und dann fliegt diese Kelle.

Alt, schwer, mit einem eingravierten „M“ am Griff – ein Erbstück irgendeiner urgroßmütterlichen Ahnin, das Mathilda Böhm schwenkt, als sei es ein Zepter.
Das Metall klirrte über das Parkett, und auf meiner Haut zeichnete sich sofort ein roter Streifen ab. Der erste absurde Gedanke in meinem Kopf war: Zum Glück war es kein Messer.
Sie saß mir gegenüber, die Nasenflügel bebend. Sie roch wie immer nach billigen Pfefferminzpastillen und nach diesem trockenen, staubigen Lagergeruch. Dreißig Jahre hatte sie als Leiterin eines Großmarkts gearbeitet – gewohnt, dass alle strammstehen, sobald sie den Raum betritt.
„Galina, sagst du nichts dazu?“ mischte sich Alexander Krüger ein. Mein Ehemann.
Er starrte in seinen Teller, als lägen zwischen Kohl und Brühe die Antworten auf sämtliche Fragen des Universums. Mit dem Finger wischte er über sein Smartphone, sein T‑Shirt spannte sich über dem Bauch. Angeblich „reinigt“ er das Display. Gründlicher als sein Gewissen.
„Mama hat es nicht so gemeint“, murmelte er, ohne aufzusehen.
„Sie sorgt sich nur. Aus Liebe. Weil ich so dünn bin.“
Ich musterte seine Jeans, deren Nähte gefährlich arbeiteten, dann meinen Arm. Der rote Abdruck wurde dunkler, fast violett. Es pochte im Handgelenk. Und in meinem Bauch breitete sich eine merkwürdige Ruhe aus – diese besondere Stille, die eintritt, wenn eine Entscheidung längst gefallen ist, auch wenn die Worte noch fehlen.
Mir war klar: Wenn ich das jetzt schlucke, fliegt morgen ein Topf. Und übermorgen erklärt man mir, in welche Richtung ich atmen darf. Nein. In meiner Wohnung soll höchstens Staub durch die Luft wirbeln.
Ich stand auf. Langsam. Der Stuhl schabte über das Parkett – ich hatte es vor fünf Jahren selbst abgeschliffen, nachdem ich dieses Studio mit dem Erbe meiner Tante gekauft hatte. Damals hatte Mathilda die Lippen geschürzt: „Warum unbedingt im Zentrum? Viel zu laut. Hättest du am Stadtrand gekauft, in meiner Nähe. Das wäre vernünftiger. Für Alexander auch praktischer.“
Vernünftiger für wen, dachte ich damals schon. Damit ich täglich zum Rapport erscheine?
Ich griff nach einer weißen Leinenserviette und tupfte mein Handgelenk ab, obwohl das Brennen bis zum Ellenbogen zog.
„Galina, wohin willst du?“ Ihre Stimme blieb laut, fordernd.
„Ich habe noch nicht zu Ende gesprochen. Die Suppe ist versalzen wie die Ostsee. Träumst du mit fast sechzig noch immer? Oder bist du einfach unfähig?“
Ich antwortete nicht. Mein Blick ruhte auf der Kelle am Boden, die dort lag und im matten Licht stumpf schimmerte.
