„Bring dieses Kötervieh zum Schweigen!“, fauchte Anton, nachdem sein schwerer Sneaker die alte Hündin hart unter den Brustkorb getroffen hatte

Diese kaltblütige Grausamkeit ist schockierend und verwerflich.
Geschichten

Lada gab keinen Laut von sich. Kein Knurren, kein Jaulen. Nur ein dumpfer, erstickter Laut entwich ihr, als Anton Meiers schwerer Sneaker sie hart unter den Brustkorb traf. Meine Hündin – eine alte Schäferin, zwölf Jahre, die Augen vom Grauen Star milchig getrübt – hatte nichts weiter gewollt, als den Besucher zu beschnuppern. So begrüßte sie jeden. Langsam, würdevoll, friedlich.

„Bring dieses Kötervieh zum Schweigen!“, fauchte Anton und rieb demonstrativ die Schuhspitze im Gras ab, als hätte das Fell einen unauslöschlichen Makel hinterlassen. „Du hast hier ja einen ganzen Zwinger, Anna. Kein Platz zum Sitzen, überall Tiere zwischen den Beinen.“

Mein Blick blieb an seinem Fuß hängen. Die Schuhe waren neu, offensichtlich teuer, mit grellorangenen Details, die sofort ins Auge sprangen. Anton liebte alles, was auffiel und kostspielig war. Seit Kurzem lief es für ihn glänzend: eine Kette von Autowaschanlagen, ein gekauftes Grundstück für einen künftigen Verkaufs-Pavillon – und plötzlich benahm er sich, als gehöre ihm ganz Hannover.

Michael Braun, mein Mann, saß daneben. Die Gabel mit einem aufgespießten Stück Tomate verharrte in seiner Hand. Sein Blick wanderte von seinem Bruder zu mir, dann zu Lada, die sich mühsam Richtung Veranda schleppte, die Hinterläufe leicht nachziehend.

„Anton, das war unnötig…“, murmelte Michael. „Sie ist alt. Sie tut niemandem etwas.“

„Mir reicht schon, dass sie hier rumsteht! Ich will essen, ohne diesen Hundegeruch einzuatmen!“, entgegnete Anton und schob seinen Teller beiseite, als wäre ihm der Appetit vergangen. „Wenn du Tiere nicht erziehen kannst, Anna, dann sperr sie weg. Oder lass sie einschläfern. Lange macht sie ohnehin nicht mehr.“

Ich schwieg. Ich schwieg oft in solchen Momenten – besonders dann, wenn sich in mir diese dünne, eiskalte Schicht über alles legte. Vielleicht eine Berufskrankheit. Wer täglich mit Lageplänen, Grenzverläufen und Katasterdaten arbeitet, weiß: Lautstärke verschiebt keine Linien. Nur Akten tun das.

Ich ging zu Lada, kniete mich ohne Zögern in den Staub. Unter meinen Fingern bebte ihr schmal gewordener Körper. Die Messingschnalle ihres abgewetzten Halsbands blitzte matt im Sonnenlicht. Vorsichtig tastete ich ihre Rippen ab. Nichts gebrochen, soweit ich spürte. Lada leckte meine Handfläche – rau und warm.

„Anna, jetzt komm schon“, rief Anton, während er sich Wein einschenkte. „Setz dich, sonst wird alles kalt. Bist du beleidigt? Es ist doch nur ein Hund. Ach übrigens, Michael – hast du die Unterlagen zu dem Grundstück am Irkutsker Trakt geprüft? Ich habe mit dem Zaunbau angefangen.“

Michael nickte hastig, ohne meinen Blick zu suchen.

„Ja, hab ich. Sieht sauber aus.“

Langsam richtete ich mich auf. In meinem Kopf klickte etwas ein. Irkutsker Trakt. Parzelle 74-bis. Dieses Gebiet kannte ich beinahe auswendig. Vor drei Monaten hatte unsere Abteilung dort eine Überprüfung der Bau- und Grenzlinien vorgenommen.

„Anton“, sagte ich ruhig, beinahe beiläufig. „Verläuft dein Zaun exakt entlang der Frontlinie oder hast du ihn etwas in Richtung Straße versetzt?“

Er schnaubte selbstzufrieden.

„Versetzt? Ach komm, Anna. Ich habe mir still und leise drei Ar dazugeholt. Ist doch nur brachliegendes Stadtgelände. Interessiert keinen. Der Vorsitzende der Garagengemeinschaft hat für eine gute Flasche Cognac beide Augen zugedrückt. Der Pavillon wird anderthalb Meter breiter. Das bringt Umsatz.“

„Verstehe“, antwortete ich und nickte langsam. „Umsatz ist entscheidend.“

Du ahnst nicht, wie entscheidend, dachte ich.

Anton breitete sich in seinen Zukunftsplänen aus, prahlte damit, wie er Bauvorschriften „aushebelt“, wen er im Rathaus kenne und dass aus dem kleinen Pavillon bald ein ganzer Komplex werde. Seine Gesten waren ausladend, seine Stimme laut. Die orangefarbenen Einsätze seiner Sneaker blitzten wie Warnlichter in meinem Blickfeld.

Michael stimmte ihm zu. Das tat er immer. Anton war der „Erfolgreiche“, der „Durchsetzungsstarke“. Und wir? Zwei Angestellte im öffentlichen Dienst, pünktlich von acht bis vier, mit festem Gehalt und ohne große Sprünge.

„Lada, komm“, sagte ich leise.

Zitternd erhob sie sich. Gemeinsam gingen wir ins Haus. Ich zog die Tür hinter uns zu und schnitt das Klirren von Besteck, das Murmeln auf der Terrasse und Antons selbstgefälliges Lachen ab.

Im Arbeitszimmer war es kühl und still. Ich setzte mich an den Schreibtisch, klappte den Laptop auf und atmete einmal tief durch, bevor ich begann, die vertrauten Programme zu öffnen.

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