Noch bevor sie ihren Mantel richtig abgelegt hatte, vibrierte ihr Handy. Eine Nachricht von Brigitte Hoffmann. Kein Gruß, keine Anrede.
„Lukas ist sehr enttäuscht. Ich hoffe, dir ist klar, was du eurer Familie damit antust.“
Sophie las die Worte zweimal, ohne eine Miene zu verziehen, steckte das Telefon zurück in ihre Tasche und ging sich einen Kaffee holen, als hätte sie lediglich eine Terminerinnerung erhalten.
Am Abend, als sie vor dem Haus aus der Straßenbahn stieg, entdeckte sie vor dem Eingang ein vertrautes Auto. Der dunkelblaue Wagen von Petra Wagner stand dort, ordentlich eingeparkt wie immer. Petra wohnte quer durch die Stadt; spontane Besuche gehörten nicht zu ihren Gewohnheiten.
Sophie blieb einen Moment stehen.
Da braut sich etwas zusammen, dachte sie.
Und sie sollte recht behalten.
In der Küche saßen Lukas und Petra einander gegenüber. Der Wasserkocher summte leise nach, zwei Tassen standen bereit, daneben ein Teller mit Butterkeksen. Alles wirkte beinahe gemütlich. Beinahe.
„Sophie“, begann Petra mit ihrer sanften, aber eindringlichen Stimme, „ich bin nicht hier, um Streit zu suchen. Ich möchte nur reden.“
Sophie legte ihren Mantel ab und nickte. „Gut. Dann reden wir.“
Petra faltete die Hände. „Du weißt doch, dass Brigitte im letzten Jahr gesundheitliche Probleme hatte. Es war nicht leicht für sie.“
„Ja, das weiß ich.“
„Sie braucht ein Auto. Für Arzttermine, für Besorgungen. Sie kann nicht ständig Nachbarn um Hilfe bitten.“
Sophie schenkte sich ein Glas Wasser ein, setzte sich an den Tisch und sah Petra ruhig an. „Ein Kredit sollte von der Person aufgenommen werden, die das Fahrzeug kauft. Oder von jemandem, der bereit ist, die Verantwortung zu tragen. Ich bin dazu nicht bereit. Und das ist mein gutes Recht.“
Lukas holte Luft, als wolle er etwas einwerfen, ließ es aber bleiben.
Petra musterte Sophie lange. Schließlich nickte sie kaum merklich. „Dann ist es also so“, sagte sie leise. In diesem „so“ lag eine Schwere, die Sophie frösteln ließ.
Es klang nicht wie ein Abschluss. Eher wie der Auftakt zu etwas anderem.
Gegen neun erhob sich Petra. Sie zog wortlos ihre Jacke an, verabschiedete sich knapp von Lukas und verließ die Wohnung. Sophie bekam nicht einmal einen Blick. Die Tür fiel leise ins Schloss. Dieses kontrollierte, fast demonstrative Schweigen war beunruhigender als jedes laute Wort.
Lukas blieb noch lange in der Küche stehen und spülte die Tassen, den Rücken zu ihr gekehrt.
„Lukas“, sagte Sophie schließlich.
„Hm.“
Kein echtes Nachfragen. Nur ein Laut.
„Du bist wütend.“
„Nein.“
Er trocknete seine Hände ab, hängte das Geschirrtuch ordentlich auf und ging ins Schlafzimmer. Kurz darauf drang die Stimme eines Podcasts durch die Tür – bewusst laut genug, um jedes Gespräch zu ersticken.
Sophie blieb einen Moment im Flur stehen, dann zog sie sich in das kleine Zimmer zurück, das sie großspurig „Arbeitszimmer“ nannten – ein alter Schreibtisch, ein Bücherregal, mehr nicht. Sie öffnete den Laptop, starrte auf den Bildschirm, ohne etwas zu sehen.
Er ist nicht wütend, weil ich Nein gesagt habe, dachte sie.
Er ist wütend, weil er nicht weiß, wohin mit sich.
Das hatte sie schon beim ersten Streit gespürt. Lukas war kein bösartiger Mensch. Er war unsicher. Und Unsicherheit ist etwas anderes als Bosheit. Wer böse ist, verfolgt eigene Ziele. Wer schwach ist, lässt sich treiben.
Und treiben ließ er sich seit jeher von seiner Mutter.
Am nächsten Morgen war er bereits aus dem Haus, als Sophie aufwachte. Auf dem Küchentisch stand eine halbleere Tasse Kaffee daneben ein Zettel:
Komme spät zurück.
Drei Worte. Keine Unterschrift.
Sophie trank ihren Kaffee in Ruhe, zog sich an und fuhr in die Innenstadt. Ein Termin wartete in einem Bürokomplex an der Friedrichstraße. Solche Wege mochte sie – erst die U-Bahn, dann ein Stück zu Fuß durch das geschäftige Treiben. In der Menge verlor sich ihr Name, ihre Rolle, die Erwartungen anderer. Sie war einfach eine Frau unter vielen.
Nach dem Treffen verspürte sie keine Eile heimzukehren. Sie setzte sich in ein Café, bestellte Cappuccino und ein Sandwich und nahm am Fenster Platz.
Am Nebentisch versuchte eine junge Mutter geduldig, ihrem Kleinkind Brei einzulöffeln, während sie gleichzeitig auf ihr Handy schielte. Das Kind wandte den Kopf ab, die Mutter wartete, lächelte müde und setzte erneut an. Sophie beobachtete die Szene eine Weile.
Geduld, dachte sie, ist merkwürdig. Manchmal ist sie Stärke. Manchmal nur eine Gewohnheit, die man fälschlich für Tugend hält.
Ihr Telefon vibrierte. Claudia Richter.
Sophie zögerte kurz und nahm dann ab. „Hallo?“
„Sophie, störe ich? Bist du noch im Büro?“
„Nein, ich bin gerade in einem Café. Was gibt’s?“
„Ach, nichts Dramatisches“, sagte Claudia in einem Tonfall, der das Gegenteil verriet. „Ich wollte einfach mit dir reden. Ganz normal. Ohne dieses ganze Familiendrama. Wie geht’s dir?“
„Schon in Ordnung.“
Claudia senkte die Stimme. „Ich sage dir etwas, aber bitte erzähl Brigitte nicht, dass es von mir kommt. Sie hat den Kredit bereits unterschrieben. Gestern.“
Sophie stellte ihre Tasse langsam ab. „Allein?“
„Ja. Sie hat mit der Bank gesprochen. Die Konditionen sind schlechter, höhere Zinsen, aber sie hat zugestimmt. Und sie möchte nicht, dass du davon erfährst.“
„Warum erzählst du es mir dann?“
Am anderen Ende rauschte der Verkehr, Schritte auf Asphalt.
„Weil du wissen solltest, dass sie tief gekränkt ist. Nicht mehr wegen des Geldes. Sondern aus Prinzip.“
Sophie schwieg einen Moment.
