„Nun gut, dachte Sophie, wenn sie schon nicht rangeht, dann wird sie eben unangekündigt vor der Tür stehen.“ Sophie steuert ihr Auto entschlossen vor Maries Haus

Unheimlich und verstörend erschien ein vertrauter Wagen.
Geschichten

Mit einem Seufzer startete Sophie Köhler den Motor, legte den Gang ein und aktivierte die Freisprechanlage ihres Handys. Das monotone Klingeln zog sich in die Länge, doch Marie Hartmann meldete sich nicht. Nun gut, dachte Sophie, wenn sie schon nicht rangeht, dann wird sie eben unangekündigt vor der Tür stehen.

Seit Wochen versuchten die beiden, ein Treffen zu organisieren, aber ständig kam etwas dazwischen. Mal hielt die Arbeit die eine fest, mal forderte die Familie die andere. Früher war alles so viel unkomplizierter gewesen – in ihrer Kindheit schien die Zeit ihnen zu gehören.

Während viele Geschwister sich stritten, verband Sophie und Marie ein beinahe schwesterliches Einvernehmen. Ernsthafte Auseinandersetzungen? Fehlanzeige. Vielleicht lag es an ihrem sanften Wesen, vielleicht auch an der Erziehung durch die Eltern, die ihnen Respekt und Großzügigkeit beigebracht hatten.

Schon in der Schulzeit waren sie unzertrennlich, später immatrikulierten sie sich sogar an derselben Universität. Doch nach ihren Hochzeiten wurden die Begegnungen seltener. Sophie vermisste ihre Schwester sehr; oft schafften sie es nur einmal im Monat oder noch seltener, sich zu sehen. Deshalb spielten sie immer häufiger mit dem Gedanken, näher zueinander zu ziehen, um endlich wieder öfter Zeit miteinander verbringen zu können.

Mit umso größerer Vorfreude blickte Sophie Köhler diesem Treffen entgegen. Endlich wollten sie wieder in Ruhe zusammensitzen. Die Kinder waren im Sommerlager untergebracht, und sie selbst hatte es geschafft, etwas früher Feierabend zu machen. Als sie in die Straße einbog, in der Marie Hartmann wohnte, fiel ihr ein Wagen auf, der ihr seltsam vertraut vorkam.

Zunächst schob sie den Gedanken beiseite. Schließlich fuhren viele Menschen dasselbe Modell – Paul König war bestimmt nicht der Einzige mit so einem Auto. Doch als sie ihren eigenen Wagen abstellte und ausstieg, wanderte ihr Blick erneut zu dem Fahrzeug hinüber. Ihr Herz machte einen Sprung: Das Kennzeichen stimmte exakt mit dem ihres Mannes überein.

Am Rückspiegel baumelte sogar diese alberne kleine Gummiente – seine Gummiente. Was hatte er hier zu suchen? Um diese Uhrzeit müsste er noch im Büro sein; gewöhnlich kam er mindestens eine Stunde später nach Hause.

Verwirrt und mit wachsender Unruhe drückte Sophie die Klingel an der Gegensprechanlage. Es läutete, aber niemand meldete sich. Dabei war sie sicher, dass ihre Schwester daheim war. Und wenn das wirklich Pauls Auto war, dann musste auch er hier sein – ein solcher Zufall war kaum vorstellbar. Warum sollte er schon von der Arbeit zurück sein?

Sie betätigte die Klingel ein weiteres Mal, doch es blieb weiterhin still.

Auch diesmal hörte sie nichts weiter als das monotone Freizeichen. Kurzentschlossen wählte Sophie Köhler Maries Nummer auf dem Handy, doch wieder blieb der Anruf unbeantwortet. Unruhe kroch in ihr hoch. Was, wenn etwas passiert war? Vielleicht hatte Marie sie nicht erreicht und stattdessen Paul König verständigt. Ratlos lief Sophie vor dem Haus auf und ab, ihr Herz schlug schneller.

Da öffnete jemand von innen die Haustür. Geistesgegenwärtig nutzte sie den Moment, schlüpfte hinein und hastete zum Aufzug. Mit zitternden Fingern drückte sie die Taste für die richtige Etage. Während die Kabine sich langsam nach oben bewegte, breitete sich ein drückendes Gefühl in ihrer Brust aus.

Kaum bog sie um die Ecke zum Flur ihrer Schwester, erstarrte sie. Die Wohnungstür stand offen. Im Rahmen standen Marie Hartmann und Paul König – dicht beieinander. Im nächsten Augenblick wich Sophies Fassung blankem Entsetzen. Sie lächelten sich vertraut an, und dann beugte sich Paul zu Marie hinunter und küsste sie. Ihre eigene Schwester!

Wie ferngesteuert riss Sophie ihre Handtasche auf und schleuderte wahllos alles heraus. Eine Puderdose, Lippenstift, Feuchttücher, ein Beutel Bonbons flogen durch den Flur. Und als sie schließlich nach der kleinen Flasche Desinfektionsmittel griff, holte sie aus und warf sie mit aller Kraft in ihre Richtung.

Die kleine Flasche traf Paul mit voller Wucht an der Stirn, sprang auf und die beißende Flüssigkeit spritzte ihm direkt ins Auge. Fluchend krümmte er sich zusammen und rieb sich hektisch das Gesicht. „Bist du völlig wahnsinnig?!“, brüllte er Sophie entgegen.

„Du elendes Schwein!“, schrie sie zurück, stürzte auf ihn zu und hämmerte mit beiden Fäusten auf seine Brust. Währenddessen hatte Marie blitzschnell reagiert und die Wohnungstür von innen zugeschlagen. „Und das ausgerechnet heute, kurz bevor ich komme! Wie konntet ihr nur?“

Paul verstummte schließlich, ließ die Hände sinken und setzte sich kraftlos auf die Fensterbank. Sophie blieb vor ihm stehen, rang nach Luft, ihre Brust hob und senkte sich heftig, ihr Blick war eiskalt.

„Wag es nicht, heute nach Hause zu kommen“, sagte sie tonlos und drehte sich abrupt um. Mit schnellen Schritten ging sie zum Aufzug. Innerhalb weniger Minuten hatte sie alles verloren – ihren Mann und ihre Schwester. So fühlt es sich also an, wenn man sein Lieblingsspielzeug teilt und am Ende mit leeren Händen dasteht.

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