«Ich habe zum ersten Mal das Gefühl, wirklich bei ihr zu sein» — sagt Jonas leise im Sprechzimmer, die Stimme brüchig

Bewegend und hoffnungsvoll: Ein zärtlicher Neuanfang.
Geschichten

Clara schluckte. Einen Moment lang rang sie nach Worten, dann hob sie den Kopf.

„Jonas“, sagte sie leise. „Ich habe euch gehört.“

Er runzelte die Stirn, Unsicherheit huschte über sein Gesicht. „Was meinst du?“

„Das Gespräch“, antwortete sie ruhig, aber fest. „Dich und Thomas Bergmann. Die Wand ist dünn. Ich habe kein Wort verpasst.“

Die Farbe wich aus Jonas’ Gesicht. Er zog den Stuhl näher heran, setzte sich neben sie und ließ den Kopf in die Hände sinken.

„Clara, ich… es tut mir leid. Ich wollte nicht, dass du…“

„Bitte entschuldige dich nicht“, unterbrach sie ihn sanft und legte ihre Finger um seine Hand. „Nicht dafür.“

Langsam sah er auf. Seine Augen glänzten feucht.

„Ich dachte“, murmelte er, „nach all den Behandlungen könntest du gar nicht mehr weinen.“

Sie schüttelte den Kopf. „Darum geht es nicht. Ich weine, weil ich fünfundzwanzig Jahre lang geglaubt habe, wir wüssten alles voneinander. Und jetzt merke ich, dass wir uns oft nur begleitet haben, ohne uns wirklich zu begegnen.“

Jonas wollte etwas sagen, doch sie drückte seine Hand fester.

„Aber jetzt“, fuhr sie fort, „fühlt es sich anders an. Zum ersten Mal sehe ich dich wirklich. Und du mich auch.“

Er beugte sich vor, bis ihre Stirnen sich berührten, als müssten sie sich vergewissern, dass der andere da war.

„Ich war überzeugt, du empfindest mich als Last“, flüsterte Clara. „Als hätte ich dein Leben zerstört.“

„Nein“, sagte Jonas bestimmt, kaum hörbar. „Du hast nichts zerstört. Du hast mir etwas zurückgegeben. Erst jetzt begreife ich, wie man lebt. Nicht funktioniert – lebt.“

Clara schloss die Arme um ihn. In diesem Moment spürte sie etwas, das sie lange vermisst hatte: Gewissheit. Kein Abschied. Ein Anfang.

Auf der Heimfahrt hielt Jonas ihre Hand, den Blick auf die Straße gerichtet. Sie sprachen nicht. Es war nicht nötig. Das Schweigen war warm und vollständig.

Zu Hause lief er nicht wie sonst los, stellte keinen Herd an, sortierte keine Wäsche. Er setzte sich einfach neben sie aufs Sofa und blieb.

„Und was machen wir jetzt?“, fragte Clara mit einem kleinen Lächeln.

„Nichts“, antwortete er. „Ich bin einfach hier. Bei dir.“

Da verstand sie: Nicht die Krankheit war das Entscheidende. Sie war nur der Auslöser. Das Geschenk lag darin, dass sie gelernt hatten, was sie all die Jahre verpasst hatten – wirklich da zu sein.

Krebs nimmt vieles. Doch manchmal gibt er auch etwas zurück.

In ihrem Fall: einander.

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