…Jonas rang nach Luft, dann sprach er weiter, leise, fast tastend, als müsse er jedes Wort erst finden.
Er sagte, dass er jetzt, in diesem Moment, in dem Clara krank sei, in dem er für sie da sein müsse, überhaupt erst verstanden habe, was Liebe bedeute. Nicht das bequeme Nebeneinander, nicht das Funktionieren im Alltag, nicht das stille Einvernehmen aus Gewohnheit. Sondern etwas Neues. Etwas Wachsendes. Etwas, das sich erst gezeigt habe, seit er gezwungen sei, hinzusehen. Jetzt erkenne er, wer sie wirklich sei, sagte er. Und er wisse nicht, wie er ihr erklären solle, dass er nicht aus Pflicht hierbleibe. Nicht, weil man das eben tue. Sondern weil er zum ersten Mal in seinem Leben spüre, dass sie sein Mensch sei.
Clara hörte seine Stimme brechen, als er weitersprach, hörte das Zittern, das er offenbar kaum noch verbergen konnte.
Er habe Angst, gestand Jonas, dass sie ihm nicht glauben würde, wenn er es ihr sage. Dass sie denken könnte, er wolle sie nur trösten. Oder schlimmer noch: dass sie glauben würde, mit ihm stimme etwas nicht, nicht mit ihr. Dass man eigentlich ihn behandeln müsse, weil mit seinen Gefühlen etwas aus dem Gleichgewicht geraten sei.
Thomas Bergmann antwortete ruhig, beinahe sanft, und meinte, vielleicht sei genau das Gegenteil der Fall. Vielleicht empfinde Clara ganz ähnlich.
Jonas widersprach sofort. Man hörte es an der hastigen Bewegung, am scharfen Atemzug. Clara sehe sich selbst als Last, sagte er. Er erkenne es in ihrem Blick, jedes Mal, wenn sie sich dafür entschuldige, krank zu sein. Wenn sie sage, es tue ihr leid, dass er müde sei. Und er wisse nicht, wie er ihr klarmachen solle, dass er nicht erschöpft sei. Dass er Angst habe. Angst davor, dass er, sobald sie gesund werde, verlernen könnte, so zu fühlen. Dass sie zurückgleiten könnten in ein Leben, in dem alles automatisch geschehe, mechanisch, ohne echtes Sehen, ohne echtes Wahrnehmen.
Der Arzt schwieg lange, ließ die Worte wirken.
Dann sagte er, Jonas solle ihr genau das sagen. Nichts weniger. Nichts anderes. Genauso, wie er es eben ausgesprochen habe.
Jonas flüsterte, er wisse nicht, wie er das anfangen solle.
Dann müsse er einen Weg finden, entgegnete Thomas Bergmann. Denn wenn er schweige, werde diese Angst verschwinden. Dieses Gefühl. Und dann würden sie tatsächlich wieder dort landen, wo alles begonnen habe: im alten Leben.
Etwa zwanzig Minuten später kam die Schwester herein und zog Clara vorsichtig die Kanüle aus dem Arm.
Sie lächelte und sagte, es sei geschafft. Clara solle sich noch ein paar Minuten ausruhen, dann dürfe sie nach Hause.
Clara nickte nur. Ihre Kehle war wie zugeschnürt, ihre Wangen noch feucht von den Tränen.
Kurz darauf öffnete sich die Tür. Jonas trat ein, blieb einen Moment stehen und sah sie an.
Ob sie fertig sei, fragte er leise.
Clara hob den Blick. Sein Gesicht wirkte erschöpft und blass, doch in seinen Augen lag etwas, das sie so bei ihm noch nie gesehen hatte.
