…wenn ich mir hin und wieder erlauben würde, wegzufahren, einfach irgendwohin, um auszuruhen und wieder frei zu atmen.
Clara spürte, wie ihr heiße Tränen über die Wangen liefen.
— Und was hast du ihm darauf geantwortet? — fragte Thomas Bergmann ruhig.
— Ich habe gesagt, dass er es nicht versteht — Jonas’ Stimme zitterte hörbar. — Niemand versteht es. Clara glaubt, ich würde Opfer bringen. Dass ich… dass ich Lasten schleppe. Aber das stimmt nicht. Ich trage nichts. Wirklich nichts.
Clara wollte die Hand heben, um sich die Tränen abzuwischen, doch der Zugang zog schmerzhaft an ihrem Arm. Also blieb sie liegen, reglos, und lauschte.
— Wir sind seit fünfundzwanzig Jahren verheiratet — fuhr Jonas fort. — Fünfundzwanzig Jahre. Und von all diesen Jahren waren vierundzwanzig… wie auf Autopilot. Aufstehen, arbeiten, nach Hause kommen, Abendessen, schlafen. Tag für Tag dasselbe. Es war nicht schlecht. Aber… es war leer.
Clara hatte das Gefühl, als würde sich etwas um ihr Herz zusammenziehen.
— Doch diese letzten acht Monate… — Jonas brach ab. Clara hörte ein leises Klirren, vermutlich stellte der Arzt ein Glas ab. — Diese acht Monate… Herr Doktor, ich weiß nicht, wie ich das erklären soll. Aber jetzt, wenn ich Clara beim Aufstehen helfe… wenn ich ihre Hand halte, weil sie Angst hat… wenn ich sie hierher begleite und draußen im Flur warte… wenn wir nach Hause kommen und sie mir von etwas erzählt, das sie gelesen hat… dann… dann habe ich zum ersten Mal das Gefühl, wirklich bei ihr zu sein.
Clara konnte das Schluchzen nicht länger unterdrücken. Die Tränen rannen ungehindert über ihr Gesicht und sanken in das Kissen.
— Verstehen Sie? — fragte Jonas leise. — Wir haben ein Vierteljahrhundert zusammengelebt. Aber erst jetzt… jetzt habe ich das Gefühl, sie zu kennen. Zu sehen, wer sie ist. Wie stark sie ist. Wie mutig. Und wie sehr… wie sehr ich mich davor fürchte, sie zu verlieren.
— Jonas — Thomas Bergmanns Stimme blieb sachlich und sanft zugleich —, Claras Prognose ist nicht schlecht. Die Therapie zeigt Wirkung. Es gibt berechtigte Hoffnung.
— Das weiß ich — erwiderte Jonas. — Aber davor habe ich keine Angst.
— Wovor dann?
— Davor, dass… wenn Clara gesund wird… wenn sie das alles übersteht… wir wieder in unser altes Leben zurückfallen. Und dass ich sie dann… dann erneut verliere. Nicht durch den Tod. Sondern durch Gewohnheit.
Claras Gesicht verkrampfte sich. Sie verstand es nicht. Sie verstand nicht, wovon Jonas sprach.
— Ich verstehe nicht — sagte der Arzt langsam, als hätte er ihre Gedanken laut ausgesprochen.
— Herr Doktor — Jonas’ Stimme klang nun brüchig, dicht an den Tränen —, ich habe Angst, dass ich nicht weiß, wie ich mit diesem Gefühl leben soll.
