Clara Neumann lag auf der schmalen Untersuchungsliege, der Venenzugang steckte in ihrem Arm, und ihr Blick folgte mechanisch den Tropfen der Infusion. Noch zwanzig Minuten. Nur noch zwanzig Minuten, bis die Chemotherapie beendet sein würde und sie endlich nach Hause durfte.
Die Krankenschwester hatte den Raum verlassen und die Tür leise hinter sich geschlossen. Zurück blieb Clara in diesem engen, steril weißen Zimmer. Zunächst war da nur das Summen der Geräte. Dann drang etwas anderes an ihr Ohr.
Stimmen. Gedämpft, aus dem Nachbarraum. Aus dem Sprechzimmer des Arztes.
Anfangs schenkte sie dem keine Beachtung. Doch nach wenigen Sekunden erkannte sie eine der Stimmen zweifelsfrei.
Jonas Albrecht. Ihr Mann.

Claras Körper spannte sich an. Was machte Jonas beim Arzt? Warum war er dort, ohne ihr etwas davon zu sagen?
— Danke, dass Sie sich Zeit für mich nehmen, Herr Doktor — hörte sie Jonas so deutlich sprechen, als gäbe es keine Wand zwischen ihnen.
— Selbstverständlich — antwortete Thomas Bergmann. — Sie begleiten Ihre Frau nun seit Monaten. Ich hielt es für wichtig, dass wir uns austauschen.
Claras Herz begann schneller zu schlagen. Worüber wollten sie reden? Warum nicht mit ihr gemeinsam?
— Wie geht es Ihnen? — fragte der Arzt ruhig.
Jonas schwieg lange. Clara hörte ein tiefes Ausatmen.
— Ehrlich?
— Ja. Ehrlich.
— Ich bin müde — sagte Jonas schließlich leise. — Unfassbar müde.
Clara schloss die Augen. Natürlich. Acht Monate fuhr er sie zu Untersuchungen, kümmerte sich um den Haushalt, kochte, wusch, funktionierte. Acht Monate stand er neben ihr, während ihr von der Therapie übel wurde. Acht Monate sah er zu, wie sie langsam Kraft verlor.
Und ich … ich hatte mir eingeredet, dass man es ihm nicht anmerkte.
Sie öffnete wieder die Augen und fixierte den Tropf. Noch achtzehn Minuten. Aufstehen konnte sie nicht. Den Raum verlassen ebenso wenig. Also blieb sie liegen und hörte zu.
— Erschöpft zu sein ist normal — sagte Thomas Bergmann. — Angehörige geraten oft an ihre Grenzen, manchmal sogar früher als die Patienten selbst.
— Das weiß ich — erwiderte Jonas. — Aber darum geht es mir nicht.
Clara hielt unwillkürlich den Atem an.
— Worum dann?
Jonas holte tief Luft.
— Darum, dass ich … dass ich nicht aufhören will.
Verwirrung zog über Claras Gesicht. Was meinte er damit?
— Das verstehe ich nicht — entgegnete der Arzt.
— Mein Bruder — begann Jonas nach einer kurzen Pause — hat mir letzte Woche gesagt, ich müsse besser auf mich achten, ich dürfe mich nicht völlig aufreiben, und dass Clara sicher Verständnis hätte, wenn ich mir ab und zu erlauben würde, Abstand zu nehmen.
