Zumindest spielte sie keine Rolle vor.
„Gut“, erwiderte ich ruhig. „Ich kann auch nicht behaupten, dass Sie mir besonders nahe stehen. Aber ich bin die Ehefrau Ihres Sohnes. Und das werde ich bleiben – ganz gleich, ob Sie nun zehn Porträts von Helena Brandt an die Wand hängen oder kein einziges.“
Marianne Keller verzog spöttisch den Mund zu einem schmalen Lächeln.
„Das wird sich noch zeigen.“
Diese drei Worte klangen nicht beiläufig. Sie hatten den scharfen Unterton einer Drohung.
„Nein, Mama, da gibt es nichts mehr zu sehen“, mischte sich Daniel Kopp ein, seine Stimme ungewohnt fest. „Ich liebe Clara Vogel. Ich habe sie geheiratet. Und ich erwarte von dir, dass du diese Entscheidung respektierst.“
Seine Mutter starrte ihn an, als hätte sie sich verhört.
„Daniel!“
„Es reicht“, unterbrach er sie. „Wirklich. Nimm dieses Bild von Helena Brandt aus unserem Schlafzimmer. Und hör endlich mit diesen … Inszenierungen auf.“
Marianne Keller presste die Lippen aufeinander. Daniel griff nach meiner Hand.
„Komm, Clara.“
Wir verließen ihr Zimmer ohne ein weiteres Wort. Kaum waren wir im Schlafzimmer, trat Daniel an die Wand und nahm das Porträt ab. Das helle Rechteck, das darunter zum Vorschein kam, wirkte wie eine frische Wunde.
Ich schmiegte mich an ihn. Als er mich umarmte, spürte ich, wie die angestaute Anspannung der vergangenen Wochen langsam von mir abfiel. Was nun kommen würde? Wie man nach dieser Auseinandersetzung weiterhin unter einem Dach leben sollte, wusste ich nicht. Doch eines war neu: Daniel hatte nicht mehr geschwiegen.
Nach einer Weile sagte er nachdenklich, den leeren Platz an der Wand betrachtend: „Vielleicht sollten wir ernsthaft über eine eigene Wohnung nachdenken. Ich glaube nicht, dass das hier noch gesund für uns ist.“
Ich lächelte schwach.
„Und unser Erspartes für eine Eigentumswohnung?“
Er zuckte mit den Schultern.
„Das muss eben warten. Dafür behalten wir vielleicht unsere Nerven.“
Schon am nächsten Tag begannen wir, nach einer Mietwohnung zu suchen. Keine zwei Wochen später fanden wir ein winziges Einzimmerapartment, unweit von Daniels Arbeitsplatz. Die Miete tat weh, doch das Zusammenleben mit meiner Schwiegermutter war inzwischen unerträglich geworden.
Am Umzugstag verschanzte sich Marianne Keller in ihrem Zimmer. Sie half nicht, verabschiedete sich nicht. Ihr Schweigen sagte mehr als jede offene Kränkung.
Die ersten Monate in unserer neuen Selbstständigkeit waren hart. Wir rechneten jeden Euro zweimal um, sparten an allen Ecken und Enden, um die Kaution und die Vermittlungsgebühr zurückzuzahlen, für die wir uns Geld bei Freunden hatten leihen müssen.
Daniel versuchte dennoch, den Kontakt zu seiner Mutter nicht völlig abbrechen zu lassen. Einmal pro Woche rief er sie an, gelegentlich schaute er nach der Arbeit kurz vorbei. Doch die Gespräche wurden knapper, und Marianne Keller fand stets einen Grund, warum sie uns nicht besuchen konnte.
Als wir sie schließlich zu einem Silvesteressen einluden, erschien sie mit einem Geschenk: einer Küchenmaschine. Kaum hatte sie sie ausgepackt, begann sie vorzuführen, was das Gerät alles konnte. „Helena Brandt hat immer gesagt, das sei das beste Modell. Sie besitzt genau so eines.“
Daniel und ich wechselten einen Blick und schwiegen. In diesem Moment war klar: Ein unbeschwertes Verhältnis würde es nie geben.
Mit der Zeit stellte sich ein neues Gleichgewicht ein. Seltene, angespannte Feiertagstreffen, höfliche, distanzierte Telefonate zwischen Daniel und seiner Mutter – stets gewürzt mit beiläufigen Bemerkungen darüber, wann sie Helena Brandt zuletzt gesehen hatte.
Die Firma für Haushaltsgeräte-Reparaturen, an der Daniel beteiligt war, erholte sich langsam. Die Einnahmen stabilisierten sich, und wir konnten wieder Geld für eine künftige Kreditanzahlung zurücklegen. Als ich schwanger wurde, verlieh uns das zusätzlichen Antrieb: Wir wollten nach vorn schauen, nicht zurück.
Als Marianne Keller von dem kommenden Enkel erfuhr, zeigte sie plötzlich ungewohnten Eifer und bot ihre Hilfe an. Doch bei jeder Gelegenheit seufzte sie: „Schade nur, dass es kein Kind von Helena Brandt ist. Sie liebt Babys.“
Nach der Geburt unseres Sohnes zogen wir in eine größere Mietwohnung. Daniel informierte seine Mutter telefonisch. Sie kam mit ein paar Geschenken vorbei, blieb reserviert, fast kühl, und verabschiedete sich nach kurzer Zeit wieder.
Am selben Abend saß ich im Halbdunkel und wiegte unser Kind in den Armen. Während ich sein kleines Gesicht betrachtete, begriff ich plötzlich: Das Porträt von Helena Brandt war nie bloß eine Kränkung gewesen. Es war ein Mittel gewesen – ein Versuch, Kontrolle über das Leben ihres Sohnes zu behalten.
Doch nun hatte Daniel eine eigene Familie. Mich. Unser Kind. Daran konnte kein Bild aus der Vergangenheit etwas ändern. Ein halbes Jahr nach der Geburt erhielten wir die Zusage für den Wohnungskredit. An dem Tag, an dem wir den Vertrag für unser neues Zuhause unterschrieben, sagte Daniel leise:
„Weißt du, Clara, irgendwie bin ich meiner Mutter für dieses Porträt sogar dankbar. Ohne das hätten wir vielleicht nie so früh begonnen, wirklich unser eigenes Leben aufzubauen.“
