Über dem Bett an der Wand hing plötzlich ein neues Bild. Ich trat näher heran, und es fühlte sich an, als hätte mir jemand eiskaltes Wasser über den Kopf gegossen: Es war nicht das Foto, das Daniel und mich als Ehepaar zeigte. Es war sie.
Die Frau, deren Namen ich bisher bewusst gemieden hatte.
Helena Brandt. Daniels Ex‑Frau.
Sie lächelte auf dem Porträt, in den Händen einen üppigen Blumenstrauß. Das Bild steckte in einem dunklen Holzrahmen – exakt derselbe Stil, in dem im Wohnzimmer die Kinder- und Jugendfotos von Daniel ausgestellt waren. Diese perfekte Übereinstimmung traf mich härter als das Gesicht auf dem Foto selbst.
Ich presste mir die Hand an die Stirn. Die zwei Monate, die wir inzwischen in der Wohnung seiner Mutter lebten, hatten mich schon einiges gekostet, doch das hier sprengte jede Grenze. Vor meinen Augen begann alles zu verschwimmen, der Raum schien sich zu drehen, und ich ließ mich kraftlos auf die Bettkante sinken.

– Clara Vogel! – rief Daniel vom Flur. – Wo steckst du?
Meine Stimme versagte. Ich hörte, wie er die Schuhe von den Füßen streifte, den Mantel aufhängte, seine Schritte auf dem Parkett. Sekunden später stand er im Türrahmen unseres Schlafzimmers.
– Was ist los? Du bist kreidebleich.
Dann folgte sein Blick meinem – hinauf zur Wand. Er erstarrte. Blinzelte mehrmals, als müsse er sicher sein, dass ihn seine Augen nicht täuschten.
– Was soll das denn? – fragte er scharf, fast vorwurfsvoll, als hätte ich dieses Bild selbst aufgehängt.
– Du fragst mich das ernsthaft? – Meine Stimme zitterte. – Ich bin vor zehn Minuten von der Arbeit gekommen und finde dieses… Ausstellungsstück hier vor.
Daniel rieb sich über die Stirn, atmete schwer aus.
– Mutter, – sagte er leise. In seinem Tonfall lag dieselbe Endgültigkeit wie in einer ärztlichen Diagnose.
Zwei Monate zuvor hatten wir geheiratet. Unsere Hochzeit war ruhig und bewusst schlicht gewesen: Standesamt, danach ein kleines Restaurant mit Freunden. Kein opulentes Brautkleid, keine Stretchlimousine, keine endlose Gästeliste. Genau so hatten wir es uns beide vorgestellt.
Daniels Mutter, Marianne Keller, war nicht erschienen.
– Ihr geht es nicht besonders gut, – hatte Daniel erklärt. Ich sah ihm an, wie sehr ihn das traf. Marianne Keller schickte immerhin eine Glückwunschkarte. In dem Umschlag lag Geld.
Trotzdem ließ mich ein ungutes Gefühl nicht los. Kein konkreter Gedanke, eher eine diffuse, leise Unruhe, die ich nicht recht einordnen konnte.
Unmittelbar nach der Hochzeit stand die Wohnfrage im Raum. Mein gemietetes Zimmer in einer Wohngemeinschaft war für zwei Menschen ungeeignet – schon gar nicht für frisch Verheiratete. Daniel hatte früher ein eigenes kleines Apartment besessen, es jedoch ein Jahr zuvor verkauft, um Kapital in sein Unternehmen zu stecken: einen kleinen, aber gut laufenden Reparaturservice für Haushaltsgeräte.
– Meine Mutter hat eine Dreizimmerwohnung, – sagte Daniel damals. – Sie schlägt schon lange vor, dass ich wieder einziehe. Wir könnten dort wohnen, bis wir genug gespart haben, um selbst etwas zu mieten.
Ich zögerte. Mit einer Schwiegermutter zusammenleben, die ich kaum kannte?
– Daniel, wir haben kaum Kontakt gehabt. Vor der Hochzeit habe ich sie nur ein paar Mal kurz gesehen. Ist es nicht seltsam, so plötzlich bei ihr einzuziehen?
– Am Anfang vielleicht ungewohnt, – gab er zu. – Aber sie wirkt härter, als sie ist. Eigentlich hat sie ein gutes Herz. Man muss sich nur auf sie einstellen. Außerdem ist es ja nur vorübergehend. In anderthalb Jahren haben wir genug Eigenkapital.
Schließlich stimmte ich zu. Ich redete mir ein, dass wir erwachsene Menschen seien und das Zusammenleben schon funktionieren würde.
Schon unsere erste richtige Begegnung mit Marianne Keller verlief holprig. Sie öffnete die Tür, als wären wir unangemeldet und zur Unzeit aufgetaucht.
– Kommt rein, – sagte sie knapp.
Sie war groß, hielt sich kerzengerade, trug ihr graues Haar kurz geschnitten. Ihr Blick war streng, die Lippen fest aufeinandergepresst. Selbst im Hausmantel strahlte sie mehr Würde aus als andere in Abendkleidung.
Ohne Umschweife führte sie uns in ein Zimmer: großzügig geschnitten, mit einem großen Doppelbett und einem geräumigen Kleiderschrank.
– Hier werdet ihr wohnen, – erklärte sie. – Das ist Daniels Zimmer. Alles ist noch so, wie früher.
Und tatsächlich: Es wirkte wie das Reich eines Teenagers. Poster von Rockbands an den Wänden, Modellflugzeuge in den Regalen. Nur das schmale Jugendbett war durch ein Doppelbett ersetzt worden – vermutlich noch aus der Zeit, bevor Daniel seine eigene Wohnung verkauft hatte.
– Vielen Dank, Frau Keller, – sagte ich ehrlich. – Wir wissen Ihre Hilfe sehr zu schätzen.
– Sag einfach Mama oder Mama Marianne, – entgegnete sie sofort. – Dieses formelle Gerede brauchen wir nicht. Wir sind Familie.
Der Einstieg war irritierend. Ich konnte nicht einschätzen, ob sie damit Nähe herstellen wollte oder klare Grenzen zog. Ich nickte nur und versuchte zu lächeln.
Die ersten Wochen verliefen erstaunlich ruhig. Marianne Keller arbeitete als leitende Oberärztin im Krankenhaus, kam abends spät und erschöpft nach Hause. Daniel und ich waren tagsüber meist für uns, erledigten den Haushalt und versuchten, uns so wenig wie möglich in ihren Rhythmus einzumischen – nicht ahnend, dass diese fragile Balance bald erste Risse bekommen würde.
