Für alle Eventualitäten, hatte sie gedacht. Und als er begann, immer öfter angeblich „länger im Büro“ zu bleiben, hatte sie zusätzlich bei ihrem Bruder nach dem aktuellen Status des Wagens nachgefragt. Ben hatte ihr bestätigt, dass die Vollmacht nach wie vor auf seinen Namen lief und nie umgeschrieben worden war.
Nun klappte sie den Ordner zu, legte beide Hände ruhig nebeneinander auf die Tischplatte und sah Alexander direkt an.
„Du kannst also noch heute zu Paula gehen“, sagte sie gefasst. „Pack deine Sachen, wenn du willst – sofort. Aber weder die Wohnung noch das Auto wirst du mitnehmen. Weder rechtlich noch tatsächlich.“
Er erwiderte ihren Blick lange. In seinen Augen lag ein wilder Mix aus Wut, Fassungslosigkeit, gekränktem Stolz und blankem Unglauben.
„Hast du mich all die Jahre für einen Idioten gehalten?“ presste er hervor. „Zehn Jahre lang?“
„Nein“, antwortete sie leise. „Ich habe dich geliebt. Ich war überzeugt, dass wir unser Leben gemeinsam verbringen würden. Darum habe ich nicht widersprochen, als du unbedingt der ‚Hausherr‘ sein wolltest. Aber dumm war ich nie. Auch nicht aus Liebe.“
Mit einem scharfen Ruck schob er den Stuhl zurück und stand auf. Zwei Schritte in Richtung Tür – dann blieb er stehen.
„Das ist noch nicht vorbei“, warf er über die Schulter.
„Doch“, entgegnete Sophia ruhig. „Für mich schon. Alles Weitere läuft über Anwälte – falls du es darauf anlegst. Ich werde hingehen. Und ich werde meine Unterlagen mitbringen.“
Die Tür fiel so heftig ins Schloss, dass im Küchenregal die Gläser klirrten. Sophia blieb am Tisch sitzen. Minutenlang. Vielleicht auch länger.
Schließlich nahm sie die Dokumente, legte sie ordentlich zurück in den Ordner und verstaute ihn an seinem Platz. Danach ging sie wieder in die Küche, drehte den Wasserhahn auf und widmete sich dem Teller, den sie vor seiner Ankunft nicht mehr hatte abwaschen können. Das Wasser war inzwischen kalt. Sie weinte nicht. Sie stand einfach da und beobachtete, wie Tropfen ins Becken fielen – gleichmäßig, unaufhaltsam.
Draußen setzte ein gewöhnlicher Herbstregen ein.
Am nächsten Morgen wachte Sophia ungewöhnlich früh auf. Hinter den dichten Vorhängen war es noch dunkel, doch in der Wohnung herrschte jene besondere Stille, die entsteht, wenn jemand endgültig gegangen ist und noch nicht einmal zurückgekehrt ist, um vergessene Dinge zu holen.
Sie lag auf dem Rücken und lauschte ihrem Atem. Merkwürdig – ihr Herz schlug ruhig. Kein Kloß im Hals, kein Drang, sich im Kissen zu vergraben. Nur eine leichte, beinahe schwerelose Leere in der Brust, als hätte jemand etwas Überflüssiges vorsichtig entfernt.
Sie stand auf, zog den Vorhang einen Spalt zur Seite und blickte in den Hof. Alexanders Auto stand noch immer auf seinem üblichen Platz. Also war er gestern doch nicht gleich davongefahren. Vielleicht hatte er bei Paula übernachtet. Vielleicht bei Freunden. Vielleicht hatte er stundenlang im Wagen gesessen und sich in seiner Wut gesuhlt. Es spielte keine Rolle.
Sie ließ den Vorhang wieder zufallen und ging in die Küche. Der Wasserkocher wurde eingeschaltet, die große Lieblingstasse mit den kleinen Gänseblümchen aus dem Schrank geholt – jene, die Alexander einmal abschätzig als „Omas Kitsch“ bezeichnet und am liebsten entsorgt hätte. Die Tasse war geblieben. Alexander nicht.
Während das Wasser erhitzte, klappte sie den Laptop auf und begann zu tippen. Kein Brief, kein Tagebuch – eine Liste. Sachlich, nummeriert, mit Daten und Beträgen.
Wohnung – Unterlagen vollständig, Termin beim Notar vereinbaren zur Bestätigung des eingebrachten Eigenkapitals.
Auto – Ben kontaktieren, Vollmacht widerrufen lassen und Umschreibung prüfen oder Verkauf einleiten.
Eigenes Konto – Kontostand prüfen, gegebenenfalls auf separates Konto übertragen.
Gemeinschaftskonto – heute noch die Hälfte abheben, bevor Alexander etwas sperrt.
Wohnungsversicherung – Begünstigten kontrollieren.
Fitnessstudio – Vertrag ausschließlich auf ihren Namen umstellen.
Gemeinsame Abonnements – alles kündigen, was über die gemeinsame Karte lief.
Sie schrieb schnell, beinahe nüchtern, als plane sie einen Wocheneinkauf. Als sie fertig war, speicherte sie die Datei unter dem Titel „Danach“. Nur dieses eine Wort.
Der Wasserkocher klickte. Sie goss das kochende Wasser in die Tasse, rührte einen Löffel Honig hinein und setzte sich. Auf dem Handy keine Nachricht von Alexander. Kein Anruf, kein Wort. Lediglich eine Essenslieferung vom Vorabend um 23:47 Uhr – Pizza für zwei Personen. Offenbar war er nicht allein gewesen. Sie legte das Telefon beiseite und nahm einen Schluck. Heiß. Wohltuend.
Um Punkt neun klingelte ihr Handy erneut. Ben.
„Soph? Wie geht’s dir?“ Seine Stimme klang vorsichtig, als betrete er brüchiges Eis.
„Es geht“, sagte sie. „Bist du allein?“
„Ja. Im Büro ist noch niemand. Erzähl.“
Ohne auszuschmücken, ohne Pathos, schilderte sie ihm das Gespräch vom Vortag. Ben hörte bis zum Schluss zu, sagte kein Wort.
„Das heißt“, begann er schließlich langsam, „er hat wirklich geglaubt, dass er bloß sagen müsse, er nehme sich alles, und damit wäre die Angelegenheit erledigt?“
