„Und diese Zahlen hatten es in sich“, fuhr Leon Hartmann fort, und in seine Stimme mischte sich nun unverhohlene Schärfe. „Offenbar besitzt meine angeblich mittellose Mutter, die sich keine Winterstiefel leisten kann, ein Sparkonto. Darauf liegt ein Betrag, mit dem Mila und ich unseren Immobilienkredit komplett tilgen und uns zusätzlich noch ein Auto kaufen könnten. Und es geht noch weiter: Jeden Monat gehen dort feste Beträge ein. Verwendungszweck – Mieteinnahmen aus einer Gewerbeimmobilie.“
Mila Vogel runzelte irritiert die Stirn. „Welche Immobilie?“
Leon lachte kurz auf, ohne jede Heiterkeit. „Die Garage von Opa. Die, die du angeblich vor fünf Jahren verkauft hast, um deine Wohnung renovieren zu lassen. In Wahrheit vermietest du sie an eine Autowerkstatt. Und kassierst monatlich fast genau das, was ich nach Hause bringe.“
Sabine Braun wurde kreidebleich, dann überzog eine ungleichmäßige Röte ihr Gesicht. Ihre Lippen bewegten sich, doch es kam kein Laut heraus. Der Henkel ihrer Handtasche knarrte unter dem Druck ihrer Finger.
„Das… das ist eine Absicherung!“ platzte es schließlich aus ihr heraus, während sie vom Sofa aufsprang. „Für schlechte Zeiten! Für mein Alter! Ihr würdet mir doch nicht einmal ein Glas Wasser reichen, wenn ich krank im Bett liege!“
„Eine Absicherung?“ Leon machte einen Schritt auf sie zu, worauf sie instinktiv zurückwich. „Monat für Monat ziehst du mir Geld aus der Tasche. Ich gebe dir den letzten Euro – während Mila nachts wach bleibt, um Illustrationen zu zeichnen, damit wir die Rate an die Bank stemmen können. Du kommst hier herein, trampelst mit Straßenschuhen über unseren Boden und wirfst meiner Frau vor, sie hätte Käse gekauft – von ihrem eigenen hart verdienten Geld!“
„Ich bin deine Mutter!“ versuchte Sabine Braun die Oberhand zu gewinnen, doch ihre Stimme zitterte verräterisch. „Ich habe alles für dich getan! Du hast kein Recht, mich so zu behandeln!“
„Für meine Kindheit danke ich dir“, erwiderte Leon kühl. Er ging zur Kommode, nahm den Schlüsselbund, löste einen mit roter Plastikkappe und warf ihn auf den Tisch. Das metallische Klirren durchschnitt die Stille. „Das ist dein Zweitschlüssel. Ab heute kommst du nicht mehr unangemeldet. Und die Überweisungen hören auf. Wenn du Medikamente brauchst oder einen Arzt – ich kümmere mich darum. Aber deine Gier finanziere ich nicht länger, während mein Kind eine gebrauchte Jacke trägt.“
Mit weit aufgerissenen Augen starrte Sabine ihren Sohn an. Das Gefüge, in dem sie stets die Fäden gezogen hatte, zerbröckelte vor ihr. Sie griff nach dem Schlüssel, drehte sich wortlos um und stapfte zur Tür.
„Das werdet ihr bereuen!“ rief sie aus dem Flur, ohne sich noch einmal umzusehen. „Wenn sie dich ausnimmt und fallen lässt, brauchst du bei mir nicht mehr anzuklopfen!“
Die Tür fiel ins Schloss. Im Flur kippte erneut die kleine Kinderschaufel um und landete klappernd auf dem Boden.
Mila stand reglos am Herd. Ihre Hände zitterten. Leon setzte sich schwer auf einen Stuhl und verbarg das Gesicht in den Handflächen.
„Es tut mir leid, Mila“, sagte er heiser. „Ich war blind. Aus Angst, kein guter Sohn zu sein, wäre ich beinahe ein miserabler Ehemann geworden.“
Sie trat zu ihm, legte die Arme um seine Schultern und schmiegte ihre Wange an sein Haar, das nach einfachem Brennnesselshampoo duftete.
„Ich habe heute mit einem ehemaligen Studienkollegen telefoniert“, hob Leon den Kopf. In seinem Blick lag keine unterwürfige Müdigkeit mehr, sondern Entschlossenheit. „Er wollte mich schon lange in seiner Baufirma haben. Das Gehalt ist dreimal so hoch – allerdings auch die Anforderungen: Baustellen, Dienstreisen, enge Termine. Ich habe immer abgelehnt, weil ich dachte, ich brauche etwas Sicheres, um dir und meiner Mutter helfen zu können.“
Er ergriff Milas Hand und drückte sie fest.
„Morgen reiche ich meine Kündigung ein. Es reicht, auf der Stelle zu treten. Du sollst unsere Familie nicht länger allein tragen.“
