Felix war kreidebleich geworden, seine Hände zitterten unkontrolliert, während er Clara ansah.
„Clara, das hättest du nicht tun müssen“, begann er leise. „Mama wollte doch nur helfen.“
„Helfen?“ Ein bitteres Lachen löste sich aus Claras Brust. „Wem denn bitte? Lena? Euch beiden? Und mir ganz sicher nicht.“
„Doch. Allen“, beharrte er.
„Allen – außer mir“, entgegnete sie kühl.
Ohne ein weiteres Wort ging Clara zur Tür, öffnete sie weit und hielt sie offen.
„Sabine König, ich bitte Sie zu gehen.“
Die Schwiegermutter griff hastig nach ihrer Handtasche, warf Clara einen Blick voller Groll zu.
„Du bist ein schrecklicher Mensch“, zischte sie. „Eiskalt. Herzlos.“
Dann war sie draußen. Die Tür schlug mit solcher Wucht zu, dass die Wände kurz erzitterten. Clara schloss ab, lehnte sich mit dem Rücken dagegen und rang nach Luft. Ihr Herz hämmerte, als hätte sie einen Marathon hinter sich.
Felix stand reglos im Wohnzimmer, starrte sie an, als sähe er sie zum ersten Mal.
„Warum musstest du sie so verletzen?“
Clara hob den Kopf. „Warum durfte sie mich verletzen?“
„Sie wollte meiner Schwester helfen.“
„Auf meine Kosten, Felix. Begreifst du das? Auf meine.“
„Wir sind eine Familie. Da hilft man sich.“
„Helfen bedeutet nicht, sich selbst aufzugeben.“
„Niemand verlangt alles. Es geht nur um einen Tausch.“
„Ich werde diese Wohnung nicht tauschen! Wie oft soll ich das noch sagen?“
Felix ließ sich schwer auf das Sofa fallen und fuhr sich mit beiden Händen durchs Gesicht.
„Dann willst du also Lena nicht unterstützen? Vielleicht sollten wir uns dann fragen, ob unsere Ehe überhaupt noch Sinn hat.“
Er sagte es ruhig, fast beiläufig. Doch die Worte trafen Clara härter als jedes Geschrei. Sie sah ihn an und erkannte den Mann nicht wieder, mit dem sie seit zwei Jahren zusammenlebte.
„Ist das eine Drohung?“
„Eine Überlegung.“
„Dann ist meine Antwort klar: nein. So hat das keinen Sinn.“
Felix blickte auf. „Meinst du das ernst?“
„Absolut. Wenn der Preis für diese Ehe meine Wohnung ist, dann verzichte ich auf die Ehe.“
„Clara…“
„Es reicht. Ich habe alles gesagt.“
Er stand auf und verschwand im Schlafzimmer. Clara hörte Schranktüren, raschelnde Taschen. Nach etwa zwanzig Minuten kam Felix zurück, eine Reisetasche in der Hand.
„Ich ziehe vorerst zu meiner Mutter.“
„Wie lange, entscheidest du“, erwiderte sie ruhig.
Er sah sie an, als wolle er noch etwas sagen, doch schwieg schließlich. Im Flur zog er seine Jacke an, nahm die Schlüssel vom Haken.
„Falls du es dir anders überlegst, ruf mich an.“
„Das werde ich nicht.“
Die Tür schloss sich. Stille senkte sich über die Wohnung. Clara ging ins Wohnzimmer, setzte sich auf das Sofa und ließ den Blick über die vertrauten Wände gleiten. Die Fotos auf den Regalen, der Parkettboden, den ihre Eltern einst selbst verlegt hatten.
Es war vollkommen still. Und doch fühlte sie keine Angst. Kein Bedauern. Nur eine ruhige, feste Gewissheit, richtig gehandelt zu haben.
Sie trat ans Fenster und betrachtete die abendliche Stadt, die erleuchteten Fenster der Nachbarhäuser. Die Wohnung gehörte ihr. Dieses Zuhause, geschaffen von ihren Eltern, erfüllt von Erinnerungen – niemand würde es ihr nehmen. Niemand durfte sie zwingen, sich für fremde Interessen zu opfern.
Felix war gegangen. Sabine König war abgewiesen worden. Lena Lang blieb ohne Hilfe. Und dennoch spürte Clara keine Schuld. Unterstützung heißt nicht, alles zu verlieren, was einem gehört.
Sie nahm ihr Handy und schrieb Andrea König:
„Felix ist weg. Lange Geschichte. Kannst du morgen vorbeikommen?“
Die Antwort kam fast sofort:
„Natürlich. Ich bringe Wein mit. Halt durch.“
Clara lächelte schwach. Das Leben ging weiter. Ohne einen Mann, der andere über seine Frau stellte. Ohne eine Schwiegermutter, die fremdes Eigentum für ihr eigenes hielt. Ohne Menschen, die ihre Entscheidungen nicht respektierten.
Die Wohnung blieb. Das Zuhause blieb. Die Erinnerung an ihre Eltern blieb. Alles andere war nebensächlich.
In der Küche setzte sie sich an den Tisch und sah auf den leeren Stuhl gegenüber. Dort hatte früher Felix gesessen. Jetzt nicht mehr. Und das war in Ordnung.
Sie nahm sich vor, die Schlösser auszutauschen. Zur Sicherheit. Felix könnte zurückkommen, Druck ausüben wollen. Doch die Tür würde verschlossen bleiben. Dieses Zuhause war geschützt.
Später legte sich Clara ins Bett, schloss die Augen. Morgen würde ein neuer Tag beginnen. Ohne Streit, ohne Druck, ohne fremde Erwartungen.
Nur sie und ihr Zuhause. Ihre eigene Festung. Ihr eigenes Leben. Und das würde ihr niemand jemals nehmen.
