„Ich werde hier nichts aufteilen! Diese Wohnung gehört mir – und damit basta!“ schleuderte ich ihm entgegen, während ich meinem Mann fest in die Augen sah.
Clara Braun schloss die Tür zu ihrer eigenen Wohnung auf und blieb wie so oft in den letzten Jahren einen Moment im Eingangsbereich stehen. Sie tat das jedes Mal ganz unbewusst, als müsste sie sich innerlich sammeln. Vor ihr öffnete sich das großzügige Wohnzimmer mit der hohen Decke und den breiten Fenstern, durch die das Tageslicht ungehindert hereinfiel. Der warme Holzfußboden knarrte leise – derselbe Boden, den ihre Eltern einst eigenhändig verlegt hatten.
Die Dreizimmerwohnung mitten in der Stadt war ihr geblieben, nachdem ihre Eltern gestorben waren. Kein Raum war frei von Erinnerungen: gemeinsame Abende, vertrautes Lachen, dieses Gefühl von Geborgenheit, das man nur dort erlebt, wo man geliebt wurde.
Als Felix Hartmann ihr einen Heiratsantrag gemacht hatte, zögerte Clara keine Sekunde. Sie schlug vor, dass er zu ihr ziehen sollte. Platz gab es mehr als genug. Felix war begeistert, nahm sie in den Arm, küsste sie und nannte die Idee wunderbar. Die Hochzeit selbst hielten sie bewusst klein, ohne großes Tamtam. Nach der Reise zu zweit begannen sie, die Wohnung neu zu gestalten.
Clara arbeitete als Innenarchitektin, Felix war bei einem IT-Unternehmen angestellt. Gemeinsam entschieden sie sich für eine Renovierung. Im Wohnzimmer ersetzten sie das alte Sofa durch ein neues, die schweren Vorhänge wichen modernen Jalousien. Die Küche wurde komplett erneuert: helle Fronten, eingebaute Geräte, klare Linien. Jede Veränderung erfüllte Clara mit Freude. Die Räume verloren ihren rein elterlichen Charakter und wurden Schritt für Schritt zu ihrem gemeinsamen Zuhause.

Felix lud häufig Freunde ein. Sie saßen dann in der Küche, tranken Bier und diskutierten über Fußball oder Computerspiele. Immer wieder hörte Clara bewundernde Kommentare:
„Felix, du hast es echt gut getroffen! So eine Wohnung, dazu eine attraktive Frau. Du kannst dich glücklich schätzen.“
Felix lächelte lediglich und widersprach nicht. Clara bekam diese Gespräche mit, fühlte sich jedoch nicht gekränkt. Die Wohnung war tatsächlich schön, und es erschien ihr selbstverständlich, sie mit ihrem Mann zu teilen.
Die ersten sechs Monate verliefen ruhig. Clara arbeitete meist von zu Hause aus, saß im Arbeitszimmer vor dem Laptop und entwarf Konzepte. Felix kam oft spät heim, erschöpft, aber zufrieden. Abends aßen sie zusammen, schauten Serien und schmiedeten Pläne fürs Wochenende. Alles lief gleichmäßig, ohne Streit, ohne Spannungen.
Das änderte sich, als Felix’ Mutter begann, immer häufiger vorbeizukommen. Sabine König wohnte in einem Nachbarbezirk, in einer alten Zweizimmerwohnung zur Miete. Früher war sie nur zu Feiertagen oder besonderen Anlässen erschienen. Nach der Hochzeit jedoch häuften sich ihre Besuche.
Anfangs brachte sie Gebäck mit.
„Clarachen, ich habe etwas gebacken. Probiert es doch. Mein Felix mag Apfelkuchen besonders gern.“
Clara bedankte sich, setzte Wasser für Tee auf. Sabine König nahm am Tisch Platz, trank in Ruhe und erhob sich dann, um durch die Wohnung zu gehen.
„Alles ist so schön hier. Die Räume sind gut geschnitten, überall Licht. Und die Renovierung – man sieht, dass viel Herzblut drinsteckt.“
„Danke, Sabine König“, antwortete Clara höflich.
Die Schwiegermutter betrat das Schlafzimmer, betrachtete die Schränke, warf auch einen Blick ins Arbeitszimmer.
„Und das hier? Ein Arbeitszimmer?“
„Ja, ich arbeite von zu Hause.“
„Sehr bequem, ohne Frage. Ein ganzes Zimmer nur fürs Arbeiten – das ist schon Luxus.“
Der Tonfall klang anerkennend, doch Clara spürte etwas zwischen den Zeilen. Keine offene Missgunst, eher ein prüfender Blick. Als würde Sabine König innerlich überlegen, wie man diesen Raum anders nutzen könnte.
Die Besuche hörten nicht auf. Mal kam sie mit Kuchen, mal „zufällig, weil sie gerade in der Nähe war“. Manchmal stand sie tagsüber vor der Tür, wenn Felix nicht zu Hause war. Clara ließ sie hinein, doch in ihr wuchs eine diffuse Unruhe. Sabine König musterte die Wohnung zu genau, stellte zu viele Fragen: zur Raumaufteilung, zur Quadratmeterzahl, zu den Immobilienpreisen in der Gegend.
Eines Tages blieb sie am Fenster des Arbeitszimmers stehen und sah in den Innenhof hinunter.
„Eine schöne Aussicht. Ruhig, viel Grün. So eine Lage ist unbezahlbar.“
„Ja, meine Eltern haben diese Gegend sehr geliebt.“
„Deine Eltern, sagst du? Also stammt die Wohnung von ihnen“, sagte Sabine König langsam, und in ihrer Stimme lag ein Nachdruck, der erahnen ließ, dass dieses Thema noch lange nicht abgeschlossen war.
