Die Zahlen stimmten. Die Daten ebenfalls. Sogar meine Unterschrift war daruntergesetzt.
Nur hatte ich dieses Schriftstück nie unterzeichnet.
Ich ließ den Blick über das Blatt wandern. Auf den ersten Blick wirkte die Signatur täuschend echt. Doch die Neigung war minimal anders, der Schwung am Ende fehlte. Matthias hatte oft genug gesehen, wie ich unterschreibe. Er kannte jede Bewegung. Und er hatte sie nachgeahmt.
„Das ist nicht meine Unterschrift“, sagte ich ruhig.
Dem Bankangestellten entglitten die Gesichtszüge.
Anna stand neben mir, sagte zunächst nichts, legte dann jedoch ihre Hand auf meinen Arm. „Sophie, das ist Urkundenfälschung. Das ist eine Straftat.“
Ich wusste das. Paragraphen interessierten mich in diesem Moment nicht. Was zählte, war etwas anderes: Mein eigener Ehemann hatte meine Signatur gefälscht, um mein Haus zu verpfänden. Ein Haus, das ich von meinem Geld gebaut hatte. Elf Jahre meines Lebens steckten in diesen Mauern.
Der Mitarbeiter holte seine Vorgesetzte. Wenig später kam Katharina Peters, Leiterin der Kreditabteilung. Sie prüfte die Unterlagen sorgfältig, dann sah sie mich direkt an.
„Möchten Sie Anzeige erstatten?“
„Ja“, antwortete ich ohne Zögern.
Unter dem Tisch drückte Anna meine Hand fest.
Von der Bank fuhren wir direkt zur Polizei. Meine Aussage wurde aufgenommen. Eine Kopie der Vollmacht kam zur Akte, ebenso mehrere Proben meiner echten Unterschrift zum Vergleich.
Der diensthabende Beamte, ein Mann um die fünfzig mit grauem Schnurrbart, betrachtete beide Schriftzüge lange. Dann hob er den Blick.
„Ihr Ehemann?“
„Ja.“
Er nickte nur, notierte das Aktenzeichen und stellte keine weiteren Fragen.
Auf der Rückfahrt schwieg Anna. Erst als wir vor ihrem Haus hielten, fragte sie leise: „Wirst du mit ihm reden?“
„Nein“, sagte ich. „Ich werde es ihm zeigen.“
Es blieb nur noch eine Entscheidung.
Am nächsten Morgen rief ich Lukas Heinrich an. Er hatte im vergangenen Jahr meinen Gartenzaun repariert. Ich bat ihn, sämtliche Schlösser auszutauschen – Haustür, Verandatür und Hintereingang.
„Alle drei?“, vergewisserte er sich.
„Alle drei.“
Um zehn Uhr stand er vor der Tür. Matthias war bereits bei der Arbeit. Gegen Mittag waren neue Zylinder eingebaut. Zwei Schlüsselsets – beide behielt ich.
Danach packte ich seine Sachen. Nicht hastig, nicht wütend. Sorgfältig. Zwei Koffer. Hemden ordentlich gefaltet, Socken paarweise zusammengerollt, Rasierer in einen Beutel, Zahnbürste separat.
Acht Jahre lang hatte ich diese Hemden gewaschen, gebügelt, auf Kleiderbügel gehängt. Ich hielt das für selbstverständlich. So macht man das als Ehefrau – dachte ich zumindest.
Die Koffer stellte ich vor die Haustür.
Um halb sieben bog Matthias wie immer in die Einfahrt ein. Durch das Küchenfenster beobachtete ich, wie er ausstieg, sich streckte und eine Einkaufstüte aus dem Kofferraum nahm – vermutlich Milch, donnerstags hielt er immer beim Supermarkt.
Er ging zur Tür, steckte den Schlüssel ins Schloss. Nichts. Er versuchte es erneut, rüttelte am Griff. Dann bemerkte er die Koffer.
In diesem Moment trat ich hinaus auf die Veranda.
Er stand unten an den vier Stufen und blickte zu mir hoch. Sein Gesicht wirkte weich, ratlos. In seiner Hand baumelte die Milchtüte.
„Sophie, was soll das?“
Ich antwortete nicht. Stattdessen zog ich mein Handy hervor und spielte die Aufnahme ab – sieben Minuten und dreiundzwanzig Sekunden.
Marias Stimme erklang klar aus dem Lautsprecher: „Ist alles geregelt?“
Matthias’ Antwort folgte: „Ja, Mama. Gestern unterschrieben. Dreieinhalb Millionen.“
Die Farbe wich aus seinem Gesicht. Die Tüte in seiner Hand zitterte.
Ich stoppte die Wiedergabe.
„Das Haus habe ich 2016 gekauft“, sagte ich ruhig. „Zwei Jahre bevor wir geheiratet haben. Von meinem eigenen Geld. Vier Millionen zweihunderttausend Euro. Jeder Beleg liegt bei mir. Jeder Vertrag.“
Er wollte etwas erwidern.
„Das Café habe ich 2015 eröffnet“, fuhr ich fort. „Elf Jahre Arbeit. Hunderte Kilo Teig eigenhändig geknetet, bevor ich mir eine Bäckerin leisten konnte. Drei Kühlanlagen ersetzt. Und das Dach habe ich zweimal neu decken lassen, weil es hereingeregnet hat.“
