Zwei Tage später stand sie mit einem abgewetzten Koffer und einem zerbrochenen Herzen am Busbahnhof. Der Linienbus brachte sie zurück in ihr Heimatdorf Hajdúhadház. Am Haltepunkt wartete ihre Mutter, Christina Krüger. Als sie die blasse, völlig erschöpfte Tochter sah, schloss sie sie fest in die Arme.
„Mein Kind, bleib hier. Ich passe auf dich auf“, sagte sie leise.
Kaum war Marlene fort, stürzte Sebastian zu seiner Geliebten Emilia Weiß. Auch sie war schwanger und schwor hoch und heilig, dass sie einen Sohn erwartete. Sebastian fühlte sich unbesiegbar.
„Endlich ein Erbe“, prahlte er.
An Geld sparte er nicht: Er brachte Emilia in eine exklusive Privatklinik in Hajdúszoboszló, buchte ein VIP-Zimmer und bezahlte nahezu siebenhunderttausend Euro. Am Tag der Geburt erschien Sebastian mit einem riesigen Blumenstrauß im Krankenhaus.
Mit breitem Grinsen verschickte er Sprachnachrichten und Fotos: „Mein Sohn ist da! Ganz der Vater!“ Die Bilder des Neugeborenen landeten in zahlreichen Chats, begleitet von selbstgefälligen Emojis. Doch der Triumph verflog schneller, als er gekommen war.
Noch am selben Tag bat ihn eine Krankenschwester, kurz zur Unterschrift vorbeizukommen. Unbeschwert folgte Sebastian dem Flur zur Neonatologie, überzeugt, es gehe nur um Formalitäten. Als er jedoch die Tür öffnete, erstarrte er – es fühlte sich an, als würde ihm der Boden unter den Füßen weggezogen.
Vor ihm stand Christina Krüger. Ihr Blick war kühl, unbeirrbar, ohne jedes Willkommen.
„Frau Krüger? … Was machen Sie denn hier?“, stammelte er.
Sie stellte kommentarlos eine Dose Säuglingsnahrung auf den Tisch. „Ich wollte meinen Schwiegersohn sehen“, sagte sie ruhig, „und den Jungen, auf den du so stolz bist.“
„Da liegt ein Missverständnis vor … Emilia ist nur eine Bekannte“, versuchte Sebastian hastig zu erklären.
Christina hob die Hand, und er verstummte.
Bedächtig zog sie einen Umschlag aus ihrer Tasche. „Weißt du, was das ist? Ein DNA-Gutachten. Das Kind ist nicht von dir, Sebastian.“
Seine Gesichtszüge entgleisten. „Das kann nicht sein … Emilia hat mir versichert …“
Christina lachte trocken. „Meine Tochter hast du verachtet, weil sie ein Mädchen erwartete. Du hast sie fallen lassen, um Geld zu sparen, und hier hast du mit Summen um dich geworfen. Wofür? Um das Kind eines anderen großzuziehen. Das Leben gleicht seine Rechnungen immer aus“, sagte sie mit fester Stimme, während Sebastian sprachlos stehen blieb.
