Sebastian Lorenz setzte seine hochschwangere Ehefrau kurzerhand vor die Tür – einzig aus dem Grund, dass sie ein Mädchen erwartete. Für seine Geliebte hingegen zögerte er nicht, eine gewaltige Summe zu zahlen, damit sie in einer exklusiven Privatklinik den sehnlich gewünschten Sohn zur Welt brachte. Doch ausgerechnet an dem Tag, an dem dieses Kind geboren wurde, geschah etwas Unerwartetes, das Sebastians Leben unwiderruflich aus der Bahn warf.
Der Morgen begann ungewöhnlich warm in Debrecen, goldenes Licht floss über die Dächer und tauchte die Straßen in einen trügerisch friedlichen Glanz. Marlene Sommer bewegte sich langsam durch die enge Wohnung; ihr schwerer Bauch ließ keinen Zweifel daran, dass die Geburt jederzeit einsetzen konnte. Jeder Schritt kostete Kraft. Trotzdem legte sie schützend die Hand auf ihren Leib und flüsterte mit brüchiger Stimme:
„Halte noch ein wenig durch, mein Engel … bald sind wir beisammen.“
Sebastian schenkte ihr keines Blickes. Seitdem die Schwangerschaft feststand, hatte sich der Mann, der sie einst mit Zärtlichkeit und großen Versprechen umworben hatte, in einen kalten, reizbaren Fremden verwandelt. Alles störte ihn: der Geruch des Essens, Marlenes Erschöpfung, selbst ihr Atem. Er behandelte sie, als wäre sie Luft.
An jenem Abend, als Marlene sorgfältig die winzigen Kleidungsstücke für das Baby zusammenlegte, sprach Sebastian schließlich den Satz aus, der sie innerlich zerbrechen ließ:
„Nächsten Monat fährst du zurück zu deiner Mutter aufs Dorf, um dort zu entbinden. Hier verschlingt das alles ein Vermögen.“

Hier hätte es sie höchstens ein Drittel gekostet, doch in der Stadt wären es mindestens vierhunderttausend Euro gewesen. „Ich werfe mein Geld nicht zum Fenster hinaus“, hatte Sebastian kalt hinzugefügt.
Marlene sah ihn mit glasigen Augen an, Tränen liefen über ihr Gesicht.
„Sebastian … ich bin im neunten Monat. Die Strecke ist lang, unterwegs kann alles passieren“, flüsterte sie verzweifelt.
Er reagierte mit einem Achselzucken und einem spöttischen Lächeln.
„Das ist nicht mein Problem. Dort gibt es auch eine Hebamme. Und ich habe keine Lust mehr, mir dein Gejammer den ganzen Tag anzuhören.“
In dieser Nacht begriff Marlene, dass der Mann, den sie geliebt hatte, endgültig verschwunden war.
