„Was ist denn los?“ brachte Martin schließlich hervor.
Brigitte antwortete an seiner Stelle, die Stimme scharf wie Glas. „Deine Frau behauptet, sie habe ihren Job hingeschmissen!“
Martin wandte sich Katharina zu. Sein Blick suchte Halt, fand aber nur Entschlossenheit. „Stimmt das?“
„Ja“, sagte sie ruhig.
„Aber … warum? Weshalb würdest du so etwas tun?“ Seine Stimme klang unsicher, fast bittend.
Katharina hob langsam den Kopf. In ihren Augen lag keine Wut mehr, eher eine nüchterne Klarheit. „Weil ich ein Angebot bekommen habe, das deutlich besser ist. Doppelt so viel Gehalt. Der Haken: Es ist in einer anderen Stadt.“
„In einer anderen Stadt?!“ Brigitte schnappte nach Luft. „Bist du völlig von Sinnen? Was ist mit der Familie? Mit diesem Haus?“
Katharina drehte sich ihrerseits zu ihr um. „Welche Familie meinst du, Brigitte Ahlendorf? Die, in der ihr schon Geld für eine neue Wohnung für meinen Mann und seine nächste Ehefrau zurücklegt? Oder die, in der ich lediglich als zuverlässige Einnahmequelle diene? Als Arbeitstier, das gefälligst alles finanziert? Ich habe jedes Wort gehört. Vor zwei Wochen.“
Brigittes Gesicht lief dunkelrot an. „Du hast gelauscht?!“
„Nein. Ich bin nach Hause gekommen. In mein Zuhause“, korrigierte Katharina kühl. „Oder besser gesagt: in eures. Hier gehört mir nichts. Nicht einmal mein Mann – auch er ist offenbar dein Besitz.“
Martin stand wie versteinert. Sein Mund öffnete und schloss sich, ohne dass ein Ton herauskam.
Katharina trat einen Schritt näher zu ihm. „Ich werde die Scheidung einreichen. Die Unterlagen liegen bereits beim Anwalt. Eine Wohnung ist gemietet, morgen ziehe ich mit Lena um. Du kannst deine Tochter jederzeit sehen, ich werde dir keine Steine in den Weg legen. Der Unterhalt beträgt fünfundzwanzig Prozent deines Einkommens. Und ja, ich meine dein echtes Gehalt, nicht die Zahl, die du deiner Mutter präsentierst.“
„Das kannst du nicht einfach bestimmen!“ kreischte Brigitte. „Du darfst das Kind nicht mitnehmen! Sie ist meine Enkelin!“
„Sie ist meine Tochter“, entgegnete Katharina sachlich. „Und selbstverständlich nehme ich sie mit. Ich bin ihre Mutter. Du hingegen bist lediglich die Großmutter. Die Großmutter, die es in drei Jahren nicht einmal geschafft hat, mit ihr spazieren zu gehen, sie in den Kindergarten zu bringen oder ihr abends vorzulesen. Du kannst rechnen, Brigitte. Vor allem mit fremdem Geld.“
Sie griff nach ihrer Tasche und ging zur Tür.
„Katharina, warte!“ Martin fand endlich seine Stimme. „Lass uns reden. Bitte. Triff keine Entscheidung im Affekt.“
Sie blieb im Türrahmen stehen, ohne sich umzudrehen. „Drei Jahre, Martin. Drei Jahre hattest du Zeit für Gespräche. Drei Jahre, um ein einziges Mal auf meiner Seite zu stehen. Um ein Ehemann zu sein und nicht das brave Söhnchen deiner Mutter. Diese Frist ist abgelaufen.“
„Wovon willst du leben? Wohin gehst du?“ rief Brigitte ihr nach.
Katharina drehte sich um und lächelte. Ein ehrliches, befreites Lächeln. „Von meinem eigenen Gehalt. Zweihundertfünfzigtausend Forint im Monat. Ich habe gesagt, ich habe einen neuen Job. Ich habe nur vergessen zu erwähnen, dass ich dort seit einem Monat arbeite. Im Homeoffice. Ihr wart so sehr mit meinem bisherigen Einkommen beschäftigt, dass euch nichts aufgefallen ist.“
Dann ging sie. Zurück blieben Mutter und Sohn – und ein Haushaltsplan, in dem plötzlich jeden Monat eine schmerzliche Lücke klaffte.
Am nächsten Morgen zog Katharina mit Lena aus. Brigitte machte ein Theater, stellte sich in den Weg, drohte mit der Polizei. Katharina lud ruhig die beiden Koffer ins Taxi, setzte sich zu ihrer Tochter und ließ das Haus hinter sich.
Die neue Wohnung war hell und großzügig. Lena rannte lachend von Zimmer zu Zimmer. „Mama, alles ist so schön! Ist das jetzt wirklich unser Zuhause?“
„Ja, mein Schatz. Unser eigenes.“
„Und wo wohnt Papa?“
„Papa bleibt bei der Oma. Aber er kann dich besuchen kommen.“
„Und die Oma?“
Katharina schwieg einen Moment und blickte in den Park vor dem Fenster. „Die Oma lebt ihr Leben. Und wir unseres.“
Das Handy klingelte ununterbrochen. Martin. Brigitte. Wieder Martin. Katharina stellte es stumm und begann, Kartons auszupacken. Es war der Beginn ihres ersten wirklich selbstbestimmten Lebens.
Eine Woche später fand Martin die Adresse und stand vor der Tür, mit Blumen und gesenktem Blick. „Komm zurück“, sagte er leise. „Ich habe mit meiner Mutter gesprochen. Sie ist bereit, dir die Hälfte deines Gehalts zu überlassen.“
Katharina sah ihn an und wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Die Hälfte ihres eigenen Geldes – als Zugeständnis.
„Martin, geh nach Hause. Deine Mutter wartet sicher mit dem Abendessen.“
„Aber ich…“
„Nein“, unterbrach sie ihn. „Du kommst am Wochenende zu Lena. Ich schicke dir eine Liste mit allem, was sie braucht. Und den Unterhalt erwarte ich jeden Monat am fünfzehnten.“
Sie schloss die Tür, bevor er antworten konnte. In der Wohnung lag der Duft von frischem Gebäck – sie hatten mit Lena Kuchen gebacken. Der erste in ihrem neuen Zuhause. In einem Leben, das endlich ihnen gehörte.
In der alten Wohnung saß Brigitte über ihrem Notizbuch. Die Zahlen wollten nicht mehr passen. Ohne Katharinas Einkommen zerfiel die viel beschworene „Familienkasse“. Rente und Martins Gehalt reichten kaum für Miete und Lebensmittel. Der Traum von einer neuen Wohnung war erledigt.
„Das wird schon“, murmelte sie und radierte wütend. „Sie kommt zurück. Alle kommen zurück.“
Doch Katharina kam nicht zurück. Nicht nach einem Monat, nicht nach einem halben Jahr. Sie arbeitete, zog ihre Tochter groß und lebte. Vor allem aber: Sie war frei. Frei von Kontrolle, von Demütigung, von einem schwachen Mann und einer giftigen Schwiegermutter.
Und jeden Morgen, wenn sie in ihrer eigenen Wohnung aufwachte und das Sonnenlicht sah, lächelte sie. Denn dieses Licht gehörte ihr. Es schien auf ihr Leben.
