Sie sprach diese Sätze in einem Tonfall aus, als würde sie ihrer Schwiegertochter eine außergewöhnliche Wohltat erweisen.
„Und wie viel stellst du dir vor?“, fragte Katharina Seifert ruhig.
„Na ja … sagen wir, monatlich dreitausend Euro. Das reicht doch völlig. Mehr brauchst du nicht. Du gehst ja nicht groß aus, Arbeit und Wohnung, mehr ist da nicht.“
Katharina rechnete im Kopf nach. Dreitausend von ihren sechzigtausend. Etwa fünf Prozent ihres eigenen Einkommens.
„Großzügig“, bemerkte sie ohne jede Regung.
Brigitte Ahlendorf nickte zufrieden, ohne auch nur im Ansatz zu begreifen, dass darin Spott lag.
„Siehst du. Martin Vollmer bekommt schließlich auch Taschengeld. Bei ihm ist es natürlich etwas mehr – er ist ein Mann. Termine, Einladungen, Repräsentation, das kostet.“
„Mama, jetzt hör doch auf …“, murmelte Martin verlegen.
„Ach was, mein Junge. Ich weiß genau, wie das läuft. Du bist schließlich der Ernährer der Familie.“
Katharina sah ihn an. Den „Ernährer“, der sein komplettes Gehalt an seine Mutter abtrat und mit fünfunddreißig Jahren von ihr sein Geld zugeteilt bekam. Sie senkte den Blick und aß schweigend weiter.
Rund vier Wochen später geschah etwas, womit niemand gerechnet hatte. In ihrer Firma bot man ihr eine Beförderung an. Neue Position, deutlich mehr Verantwortung – und nahezu das doppelte Einkommen. Ihre Vorgesetzte, eine sachliche Frau Anfang fünfzig, bat sie nach einer Besprechung kurz zur Seite.
„Frau Seifert, fachlich sind Sie über jeden Zweifel erhaben. Aber ich sage es gleich offen: Es geht nicht nur um mehr Geld. Es bedeutet Reisen, flexible Zeiten, Entscheidungsdruck. Können Sie das stemmen?“
„Ja“, antwortete Katharina ohne Zögern.
„Und privat? Ihr Mann – zieht er mit?“
Ein schmales Lächeln huschte über Katharinas Gesicht.
„Meine Familie wird sich freuen.“
Beim Abendessen brachte sie die Nachricht vor. Brigitte Ahlendorf blühte regelrecht auf.
„Das sind ja fantastische Neuigkeiten! Wirklich hervorragend, Katharina! Dann wächst unsere Familienkasse ja ganz erheblich.“
„Davon ist auszugehen“, bestätigte Katharina knapp.
„Und was kommt jetzt monatlich rein?“
„Hundertzwanzigtausend.“
Brigitte verschluckte sich fast an ihrem Tee.
„Wie bitte?!“
„Hundertzwanzig. Inklusive Prämien und Reisekostenpauschalen.“
In Brigittes Augen begann es zu rechnen. Neue Möbel fürs Wohnzimmer, vielleicht eine Renovierung, und mit etwas Glück sogar ein Kurzurlaub.
„Unglaublich! Martin, hörst du das? Deine Frau macht Karriere!“
Martin nickte, sah Katharina an. In seinem Blick lagen echte Überraschung – und ein Anflug von Unsicherheit. So einen Sprung hatte er ihr nicht zugetraut.
„Glückwunsch“, brachte er hervor.
„Danke. Übrigens werde ich auch auf Dienstreise gehen. Die erste steht in zwei Wochen an, fünf Tage Leipzig.“
„Dienstreise?“, fragte Brigitte scharf. „Und der Haushalt? Und das Kind?“
„Lena Eichhorn kann in den Hort. Oder ihr beide kommt zurecht. Wir sind doch eine Familie. Hier ist alles gemeinschaftlich – auch die Verantwortung.“
Brigitte presste die Lippen zusammen, sagte aber nichts. Hundertzwanzigtausend Euro ließen gewisse Unannehmlichkeiten erträglicher erscheinen.
Das erste erhöhte Gehalt kam einen Monat später. Wie gewohnt übergab Katharina den gesamten Betrag. Brigitte zählte die Scheine sorgfältig, ihr Gesicht strahlte.
„Katharina, da fehlt doch etwas.“
„Wie meinst du das?“
„Du hast von hundertzwanzig gesprochen. Hier sind nur achtzig.“
„Ach so. Die restlichen vierzigtausend sind Reisekosten. Die laufen über eine separate Karte und sind zweckgebunden. Da muss alles belegt werden.“
Brigittes Stirn legte sich in Falten.
„Aber du gibst doch unterwegs nie alles aus. Da könnte man doch sparen.“
„Theoretisch ja“, sagte Katharina gelassen. „Praktisch wird jede Ausgabe kontrolliert. Jeder Beleg.“
Das stimmte nur teilweise. Zwar war das Geld getrennt, doch die Kontrolle war längst nicht so streng. Aber das musste Brigitte nicht wissen.
Die Reisen häuften sich. Leipzig, Bremen, Erfurt, Würzburg – drei bis fünf Tage war Katharina unterwegs, ließ Lena bei Martin und Brigitte zurück. Es wurde gemurrt, aber hingenommen. Das Geld wog schwerer als der Ärger.
Martin bemerkte allmählich eine Veränderung. Seine Frau wirkte ruhiger, sicherer. Die Spitzen seiner Mutter prallten an ihr ab. Sie diskutierte nicht mehr, verteidigte sich nicht. Sie tat, was nötig war – und lebte den Teil ihres Lebens, der außerhalb dieser Wohnung stattfand.
„Findest du nicht, dass es langsam reicht mit den Reisen?“, fragte er eines Abends, während sie ihren Koffer schloss. „Lena vermisst dich. Und ich auch.“
Katharina sah ihn ruhig an.
„Und deine Mutter? Vermisst sie mich auch?“
„Was hat das jetzt mit ihr zu tun?“
„Alles. In dieser Wohnung entscheidet sie. Frag sie, ob sie möchte, dass ich auf Prämien und Reisen verzichte. Wenn sie Ja sagt, reiche ich morgen die Kündigung der Zusatzaufgaben ein.“
Martin schwieg. Er wusste genau, wie die Antwort ausfallen würde.
Katharina führte längst zwei Leben zugleich: Zuhause die angepasste, stille Schwiegertochter, die scheinbar jeden Euro abgab und keine Fragen stellte, und draußen eine unabhängige Frau, die begann, ihre eigene Zukunft sorgfältig und leise vorzubereiten.
