„Sag mal, Julia Möller, hast du völlig den Anstand verloren oder stellst du dich nur so?“ — Schwiegermutter brüllt aus der Küche und stellt Julia vor den Gästen bloß

Unverschämte Respektlosigkeit verletzt zutiefst und bleibt rätselhaft.
Geschichten

— Sag mal, Julia Möller, hast du völlig den Anstand verloren oder stellst du dich nur so? — Die Stimme der Schwiegermutter dröhnte aus der Küche, als würde sie nicht in einer gewöhnlichen Zwei-Zimmer-Wohnung am Rand von Hannover stehen, sondern auf der Bühne einer Stadthalle.

Julia hatte nicht einmal Zeit, den Schlüssel aus dem Schloss zu ziehen. Sie blieb im Flur stehen, in der einen Hand die Einkaufstüte, in der anderen ihr Notebook. Aus der Wohnung schwappte ihr ein fremdes, aufdringliches Stimmengewirr entgegen: Gelächter, das Klirren von Besteck, das Scharren von Hockern über den Boden, ein kehliges Husten, das Rascheln von Plastiktüten. Und dieser Geruch — billig-süßes Herrenparfum, Zigarettenrauch und gebratenes Hähnchenfett. Ihr linkes Augenlid begann wie immer zu zucken.

Auf der Fußmatte lagen riesige, fremde Schuhe, die ihre ordentlich abgestellten Pumps rücksichtslos zur Seite gedrängt hatten. Daneben stapelten sich karierte Taschen, prall gefüllt, als wäre hier niemand zu Besuch, sondern im Begriff, dauerhaft einzuziehen.

Langsam schloss Julia die Tür, streifte den Riemen ihrer Tasche von der Schulter und rief laut in die Wohnung:

— Habe ich das richtig verstanden, dass in meiner Wohnung wieder eine Versammlung stattfindet — ohne mich?

Aus der Küche kam prompt eine muntere Antwort:

— Ach, da ist sie ja! Alexander, sag deiner Frau, sie soll nicht im Durchzug stehen, das zieht!

Julia ging direkt in die Küche, ohne ihre Jacke auszuziehen. Was sie dort sah, brachte eine eigenartige Klarheit in ihren Kopf.

Am Tisch, der mit ihrer hellen Tischdecke bedeckt war, saß Sandra Schubert wie die Vorsitzende eines Komitees für fremdes Eigentum. Neben ihr eine kräftige Frau Mitte fünfzig im grell-pinken Pullover, mit auffällig lackierten Nägeln und prüfendem Blick. Auf dem Hocker am Fenster hockte Alexander Roth, ihr Ehemann, und nagte geschäftig an einer Hähnchenkeule. Mitten auf dem Tisch lagen ein Maßband, ein Bleistift, ein Notizblock und ein aufgeklappter Möbelkatalog. Ihre Vase mit den Trockenblumen war an die Spüle verdrängt worden, direkt neben eine Schüssel, in der ein fettiger Löffel lag.

— Na endlich, die Hausherrin, — sagte Sandra Schubert betont heiter, ohne aufzustehen. — Wir sind hier übrigens nicht untätig.

— Das sehe ich, — erwiderte Julia kühl. — Maßband und Brathähnchen sprechen für rege Aktivität. Vielleicht erklärt mir jemand, was genau hier in meiner Wohnung geplant wird.

Die Frau im pinken Pullover lächelte breit.

— Ich bin Lea Friedrich, Alexanders Tante. Wir sind doch unter uns. Familie eben.

— Wunderbar, — nickte Julia. — Dann erklären Sie mir doch familiär, weshalb in meiner Küche jemand sitzt, den ich noch nie zuvor gesehen habe.

Sandra winkte ab.

— Musst du gleich so loslegen? Ich habe immer gesagt, dein Charakter ist wie Schleifpapier. Man könnte sich auch erst mal hinsetzen und vernünftig reden. Es geht um ganz normale, alltägliche Dinge.

— Dann reden wir vernünftig. Worum geht es?

Alexander, ohne aufzusehen, murmelte:

— Julia, fang jetzt bitte nicht sofort an.

— Ich habe noch gar nicht angefangen, — entgegnete sie ruhig. — Das hier ist nur der Leerlauf. Das eigentliche Programm kommt erst noch.

Sandra zog den Notizblock näher zu sich und klopfte mit dem Finger darauf.

— Ich sag’s ohne dein ganzes Büro-Gerede: So wie ihr lebt, ist das nichts Halbes und nichts Ganzes. Die Wohnung ist unpraktisch. Der Flur viel zu lang, kein Stauraum, die Küche vollgestellt. Und mein Sohn soll sich hier wie ein Untermieter fühlen? Er wohnt hier schließlich auch.

Julia sah ihren Mann an.

— Hat er dir das so gesagt?

Alexander zuckte mit den Schultern.

— Naja… ganz falsch ist es nicht.

— Das heißt, du sitzt in einer Wohnung, die ich lange vor unserer Hochzeit gekauft habe, isst mein Essen — und dir fehlt das Gefühl, Hausherr zu sein?

— Hör auf, alles gleich dramatisch zu machen, — verzog er das Gesicht. — Du machst aus allem einen Streit.

— Und was genau soll das hier sein? Ein Innenarchitektur-Wettbewerb? Auf meinem Tisch liegt ein Maßband, in meiner Spüle fremdes Besteck, und draußen stehen Schuhe in Größe fünfundvierzig. Das ist entweder eine Farce oder der Auftakt zu einer Serie.

Lea schnaubte amüsiert und schenkte sich Kompott aus Julias Glaskaraffe ein.

— Humor hat sie ja, das muss man sagen. Aber Familie ist kein Kabarett.

— Und mit vollgepackten Taschen einzumarschieren ist vermutlich eine Tournee? — konterte Julia scharf.

Sandra beugte sich vor.

— Jetzt reicht es mit deinen Spitzen. Hör gut zu. Wir haben gesprochen und sind zu dem Schluss gekommen, dass die Wohnung ordentlich geregelt werden muss.

— „Ordentlich geregelt“ heißt?

— Die Hälfte läuft auf Alexander. Oder du überschreibst sie gleich ganz auf ihn. Ihr seid verheiratet. Normale Paare machen das so, wenn sie langfristig planen und nicht ständig dieses „meins bleibt meins“ spielen.

Einen Moment lang war es so still, dass man das Tropfen des Wasserhahns im Bad hören konnte.

Julias Blick wanderte von Sandra zu Lea, dann zu Alexander — und wieder zurück zu Alexander.

— Nur damit ich das richtig verstehe: Ihr marschiert in meine Wohnung, breitet hier Werkzeuge aus, organisiert eine kleine Zuschauerrunde und beschließt, dass ich meine voreheliche Eigentumswohnung überschreiben soll?

— Wieso „marschieren“? — empörte sich Sandra sofort. — Mein Sohn hat einen Schlüssel.

— Hatte, — sagte Julia ruhig.

Endlich sah Alexander sie an.

— Was ist denn dein Problem? Das ist ein normales Gespräch. Wir sind eine Familie. Meine Mutter hat recht: Wie lange soll ich hier leben, als wäre ich nur geduldet?

— Und wer bist du hier, Alexander?

— Dein Ehemann.

— Ein Ehemann ist kein Titel auf einem Küchenhocker. Das ist Verantwortung. Haltung. Und zumindest die Fähigkeit, seiner Mutter zu sagen: „Stopp, das ist nicht deine Wohnung.“ Stattdessen sitzt du da und kaust, während man plant, mir elegant das Eigentum abzunehmen.

— Niemand nimmt dir etwas weg, — brummte er. — Übertreib nicht.

— Natürlich nicht. Drei Leute tauchen mit Gepäck und Möbelkatalog auf — rein aus architektonischem Interesse.

Lea stellte ihre Tasse ab.

— Ich bin übrigens nicht zum Vergnügen hier. Ich brauche für etwa einen Monat eine Unterkunft, bis ich Arbeit finde. Platz habt ihr genug. Und ich würde mich einbringen — Renovierung, Haushalt, Kochen. Nicht umsonst.

Langsam drehte sich Julia zu ihr.

— Entschuldigen Sie bitte — wer hat Sie eingeladen?

— Na, Familie eben.

— Wessen Familie?

Lea wollte antworten, doch Sandra kam ihr zuvor:

— Alexanders Familie. Und du bist seine Frau. Also auch deine.

Julias Stimme wurde ganz ruhig, fast kühl.

— Nein, Sandra Schubert. Sparen Sie sich bitte diese Nummer mit den Seelenverwandten. Sie sind keine Familie, wenn Sie nur auftauchen, um hier Quadratmeter aufzuteilen, einzuziehen und Ansprüche zu stellen.

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