«Bitte tun Sie so, als wäre mein Gehör noch schlecht. Ich muss das wissen.» — flüstert der Junge verzweifelt

Schmerzhaft offen, dennoch überraschend warm und tröstlich.
Geschichten

„Hm. Ich werde ihr alles sagen, sobald ich dazu fähig bin.“

Eine Stunde später waren sie wieder zu Hause. Nina Feldmann stützte ihren Sohn auf dem Weg in sein Zimmer, half ihm über die Schwelle und achtete auf jeden seiner Schritte. Leo Brandner wirkte ungewöhnlich in sich gekehrt. Als sie sich bereits abwenden wollte, hielt ihn etwas zurück. Er hob den Kopf und sprach plötzlich ruhig, klar, ohne das geringste Zögern:

„Mama …“

Sie blieb im Türrahmen stehen.

„Weißt du“, begann er langsam und sah dabei auf den Boden, „selbst wenn die Musik eines Tages ganz verstummen sollte … dich werde ich trotzdem hören. Deine Schritte in der Küche. Wie du mit dem Wasserkocher schimpfst. Wie du dich über die Katze aufregst. Das reicht mir.“

Nina ließ sich wie kraftlos auf den Stuhl fallen und presste die Hand vor den Mund.

„Leo …“, ihre Stimme brach. „Kannst du mich hören? Wirklich?“

Er sah auf. Zum ersten Mal seit langer Zeit lag ein echtes, warmes Lächeln auf seinem Gesicht.

„Ich höre dich schon lange, Mama“, sagte er leise. „Ich habe nur früher zu viel hineininterpretiert. Heute habe ich beschlossen, wirklich zuzuhören.“

Sie zwang sich, nicht zu ihm zu gehen, nicht die Arme um ihn zu legen. Stattdessen umklammerte sie die Stuhllehne, um das Zittern in ihren Händen zu verbergen.

„Dann merk dir eines“, stieß sie hervor. „Du bist kein Problem. Du bist mein Leben. Und selbst wenn du eines Tages gar nichts mehr hören solltest – ich lerne so zu sprechen, dass du es spürst. Mit Gesten, mit Zetteln, notfalls mit Tänzen mitten in der Küche.“

Leo lachte leise, Tränen standen ihm in den Augen.

„Dann werde ich der persönliche Tonmeister deiner Stille“, antwortete er. „Denn jetzt weiß ich es ganz sicher: Zwischen uns ist keine Leere. Zwischen uns ist etwas, das lauter ist als jede Musik.“

An diesem Abend klappte er seinen alten Laptop wieder auf. Die vertrauten Programme flackerten auf dem Bildschirm. Er setzte die Kopfhörer auf, nahm sie nach einem Moment wieder ab und legte sie beiseite. Aus dem Flur drangen die Schritte seiner Mutter, eine Tasse klirrte, die Katze maulte empört. Leo startete die Aufnahme und hörte einfach zu – dem Zuhause. Zum ersten Mal seit langer Zeit klang es nicht wie bloßes Hintergrundrauschen, sondern wie ein Versprechen: dass man ihn hier nicht erträgt, sondern auf ihn wartet.

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