«Bitte tun Sie so, als wäre mein Gehör noch schlecht. Ich muss das wissen.» — flüstert der Junge verzweifelt

Schmerzhaft offen, dennoch überraschend warm und tröstlich.
Geschichten

Mit einem schiefen Lächeln fuhr Nina Feldmann fort, doch ihre Stimme brach, als sie an die Nächte kam. „Und nachts …“ Sie hielt inne, rang nach Worten. „Nachts sitze ich da und rechne. Medikamente, Therapien, Geräte. Alles wird teurer. Ich habe sogar das Klavier meiner Mutter verkauft. Sie wollte mir das Spielen beibringen, aber ich habe es nie wirklich gelernt. Er dagegen …“ Sie schluckte. „Er hat sich schon als Kind Melodien nach Gehör zusammengesucht. Und ich habe es nicht einmal bemerkt. Immer Arbeit, immer Eile, immer dieses ‚später‘. Und jetzt habe ich Angst, dass es dieses ‚später‘ vielleicht nie geben wird.“

Leo Brandner spürte, wie ihm die Augen feucht wurden. Ein Bild aus der Vergangenheit drängte sich auf: Er war einmal nachts aufgewacht, durstig, und hatte gehört, wie seine Mutter im Flur leise telefonierte, überzeugt davon, dass er schlief. „Ich weiß nicht mehr weiter“, hatte sie geflüstert. „Er hört nichts mehr. Er zieht sich immer mehr zurück. Ich habe Angst, ihn zu verlieren.“ Damals hatte er nur den Anfang verstanden, der Rest hatte sich in seinem Kopf ergänzt – „ihn“ hatte er zu „sich selbst“ gemacht.

„Manchmal denke ich“, redete Nina weiter, „es wäre besser, wenn er bei seinem Vater leben würde. Dort gibt es mehr Geld, mehr Chancen.“ Sie legte sich die Hand auf die Brust. „Aber dann frage ich mich, wofür ich morgens überhaupt aufstehen sollte.“

Sie atmete tief durch. „Ich lebe zwischen zwei Ängsten: ihn körperlich zu verlieren – oder ihn innerlich zu verlieren, wenn er glaubt, ich sei nur aus Mitleid hier.“

Der Arzt schwieg einen Moment, dann sagte er ruhig: „Sie irren sich in einem Punkt. Sie glauben, für ihn mitzudenken. Und vielleicht füllt er die Lücken für Sie genauso. Versuchen Sie zumindest ab und zu auszusprechen, was Sie wirklich fühlen – nicht das, was man Ihrer Meinung nach fühlen sollte.“

Leo biss die Zähne zusammen. Mit jedem Seufzer seiner Mutter, mit jedem Satz löste sich ein Stück des schweren Drucks, den er jahrelang in sich getragen hatte. Hinter seiner eigenen Mauer aus Angst stand ihre – nicht weniger hoch.

Nach einigen Minuten kam der Arzt zurück. Leo wischte sich hastig mit dem Ärmel über die Wangen. Der Arzt setzte sich ihm gegenüber und fragte leise: „Geht es? Reicht es für heute?“

„Ja“, hauchte Leo Brandner. „Nur … machen Sie bitte noch einen einzigen ‚Fehler‘.“

„Welchen?“

„Sagen Sie ihr die Wahrheit. Aber so, dass sie denkt, ich höre noch nicht alles.“

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