«Bitte tun Sie so, als wäre mein Gehör noch schlecht. Ich muss das wissen.» — flüstert der Junge verzweifelt

Schmerzhaft offen, dennoch überraschend warm und tröstlich.
Geschichten

Mit einem bewusst schweren Seufzer trat der Arzt auf den Flur hinaus. Seine Stimme wählte er so, dass sie bis in das Untersuchungszimmer dringen konnte, wo die Tür einen Spalt offen stand und Leo Brandner zurückgeblieben war.

„Das Hörvermögen ist im Moment noch stark eingeschränkt“, erklärte er Nina Feldmann sachlich. „Flüstern wird er vermutlich nicht wahrnehmen, allenfalls deutlich Gesprochenes. Stellen Sie sich bitte auf eine längere Phase der Rehabilitation ein.“

Nina schloss die Augen, als hätte man ihr den Boden unter den Füßen weggezogen, und ließ sich kraftlos auf den Stuhl sinken.

„Ich verstehe“, murmelte sie kaum hörbar.

Doch dann nahm das Gespräch eine Wendung, mit der Leo niemals gerechnet hätte.

„Ich bin doch eine schlechte Mutter, oder?“ Die Worte brachen plötzlich aus ihr heraus, ihre Stimme bebte unkontrolliert. „Ich habe alles falsch gemacht. Ich hätte früher merken müssen, dass etwas nicht stimmt. Stundenlang saß er mit Kopfhörern da, und ich habe es als typische Phase abgetan. Pubertät, dachte ich. Und jetzt … jetzt hört er mich womöglich nicht einmal mehr.“

„Geben Sie sich nicht die Schuld“, antwortete der Arzt ruhig. „Krankheiten suchen sich ihre Opfer nicht aus.“

„Warum ausgerechnet er?“ Nina verbarg ihr Gesicht in den Händen. „Sie können sich nicht vorstellen, wie sehr Musik sein Leben war. Er wollte Toningenieur werden. Abends saß er an diesem alten Laptop, mischte Klänge, bastelte Aufnahmen und schickte mir seine kleinen Meisterwerke aufs Handy. Ich habe gelacht. Ich dachte, das vergeht. Und nun wünsche ich mir nur eines: dass es noch nicht vorbei ist. Dass er wenigstens hören kann, wie ich ihm sage, dass ich stolz auf ihn bin.“

Hinter der Tür klammerte sich Leo an die Kante der Liege. Sein Herz hämmerte bis in den Hals. Das war nicht das, was er erwartet hatte. Keine Klage, kein Vorwurf, kein Seufzen über ein „schwieriges Kind“. Stattdessen hörte er seinen eigenen Traum – ausgesprochen von seiner Mutter.

„Sagen Sie ihm das?“ fragte der Arzt behutsam.

„Nein“, gab Nina leise zu. „Ich habe Angst, ihn zu verängstigen. Wenn er meine Sorgen kennt, fühlt er sich am Ende noch wie eine Last. Zu Hause bewege ich mich ständig auf Zehenspitzen.“

Fortsetzung des Artikels

LebensKlüber