Am selben Abend brachte Emilia den sorgfältig zusammengestellten Ordner zu Hannah Lang.
„Sehr gut“, sagte Hannah nach einem kurzen Blick auf die Unterlagen. „Das reicht völlig aus. Jetzt gehen wir den nächsten Schritt.“
Exakt eine Woche später griff Daniel das Thema erneut auf, als wäre es eine beiläufige Angelegenheit.
„Und? Hast du dich entschieden?“
Emilia saß entspannt auf dem Sofa, die Hände locker im Schoß.
„Ja“, erwiderte sie ruhig. „Wir lassen uns scheiden.“
Er blinzelte überrascht. Mit dieser Antwort hatte er offenbar nicht gerechnet.
„Meinst du das ernst?“
„Absolut. Reiche die Scheidung ein. Ich werde keinen Einspruch erheben.“
„Dir ist klar, dass du am Ende mit leeren Händen dastehst?“
Ein kaum merkliches Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Das werden wir sehen.“
Irgendetwas an ihrem Blick ließ ihn stutzen. Doch er überspielte es.
„Gut. Wie du willst. Morgen gehe ich zum Standesamt.“
Er hielt Wort. Am nächsten Tag reichte er die Unterlagen ein, und vier Wochen später war die Ehe offiziell beendet.
Daniel fühlte sich wie ein Sieger. Endlich frei. Endlich konnte er offen mit Lia Ludwig zusammenleben, der jungen Filialleiterin aus einem seiner Geschäfte, mit der ihn seit zwei Jahren mehr verband als nur berufliche Gespräche.
Emilia zog aus der gemeinsamen Wohnung aus und mietete sich ein kleines Studio am Stadtrand. Für Daniel schien die Sache damit abgeschlossen.
Bis eine Woche später ein Schreiben vom Gericht bei ihm eintraf. Klage auf Zugewinnausgleich. Klägerin: Emilia Schmitt.
Schon beim Überfliegen der Forderung wurde ihm kalt.
Emilia beanspruchte die Hälfte des gemeinsamen Vermögens: die Eigentumswohnung im Wert von sechs Millionen Euro, das Ferienhaus für zehn Millionen, zwei Fahrzeuge im Gesamtwert von drei Millionen. Und darüber hinaus fünfzig Prozent der Firma – sieben Filialen, zusammen veranschlagt auf vierzig Millionen Euro.
Gesamtsumme: 29,5 Millionen Euro.
„Sie ist völlig übergeschnappt“, murmelte Daniel fassungslos.
Er rief sofort seinen Anwalt an.
„Herr Kraus, meine Ex-Frau verlangt bei der Vermögensaufteilung fast dreißig Millionen. Das ist doch absurd!“
Christian Kraus prüfte die Unterlagen sorgfältig.
„Herr Köhler, ich fürchte, so absurd ist das nicht. Ihre ehemalige Ehefrau hat umfangreiche Belege eingereicht – Verträge, Überweisungsnachweise, Schriftverkehr. Sie kann ihren finanziellen und organisatorischen Beitrag zum Unternehmen eindeutig belegen. Das Gericht könnte durchaus zu ihren Gunsten entscheiden.“
„Aber alles läuft auf meinen Namen!“
„Mag sein. Doch es wurde während der Ehe erworben. Nach geltendem Recht ist es gemeinschaftliches Vermögen. Ich hatte Ihnen damals zu einem Ehevertrag geraten.“
Daniel beendete das Gespräch wütend und schleuderte das Handy auf den Tisch.
Das Verfahren begann. Hannah vertrat Emilia – sachlich, präzise und mit beeindruckender Sicherheit.
Vor Gericht legte sie jede einzelne Zahlungsbestätigung vor, zeigte Kontoauszüge, E-Mails und Verträge. Sie wies nach, dass Emilia Kapital eingebracht, die Buchhaltung geführt und Lieferverträge ausgearbeitet hatte. Dass sie ihre eigene berufliche Laufbahn aufgegeben hatte, weil Daniel darauf bestanden hatte, damit sie sich vollständig dem Aufbau des Unternehmens widmete.
Darüber hinaus präsentierte Hannah Beweise für Daniels Affäre: Kreditkartenabrechnungen, Fotos aus sozialen Netzwerken, auf denen er mit Lia in Restaurants und Luxushotels zu sehen war.
„Meine Mandantin hat die Ehe loyal unterstützt, Zeit, Kraft und Geld investiert“, erklärte Hannah ruhig. „Herr Köhler hingegen verwendete gemeinsames Vermögen für seine Beziehung zu einer anderen Frau. Auch das ist bei der Bewertung zu berücksichtigen.“
Die Richterin hörte aufmerksam zu.
Daniel saß blass auf seinem Stuhl. Sein Anwalt versuchte Einwände vorzubringen, doch die Beweislage war eindeutig.
Nach zwei Monaten fiel das Urteil.
Emilia wurden sechzig Prozent des gemeinsamen Vermögens zugesprochen – insgesamt 35,4 Millionen Euro.
Daniel Köhler wurde verpflichtet, diesen Betrag innerhalb von sechs Monaten vollständig an sie auszuzahlen.
