„Wir überweisen regelmäßig Geld – und was bekommen wir dafür?“ sagte Anna und stellte den Teller mit Buchweizen zu energisch auf den Tisch

Diese kaltherzige Entscheidung verrät moralischen Bankrott.
Geschichten

…fragte Helena Neumann irritiert und ließ den Blick suchend durch das Esszimmer schweifen, als könne sich der fehlende Braten doch noch irgendwo verstecken.

Anna Lange verschränkte gelassen die Hände vor sich. „Der Rest“, erklärte sie heiter, „ist in die Rücklage für unser zukünftiges Eigenheim geflossen. Wir üben uns neuerdings in Bescheidenheit. Geistige Werte statt Kalorienbomben – das war doch euer Motto, oder?“ Ein schmales Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Aber keine Sorge, deswegen habe ich euch nicht hergebeten.“

Sie zog eine Mappe hervor, entnahm ihr ein sorgfältig ausgedrucktes Blatt und schob es ihrer Schwiegermutter Maria Walter über den Tisch zu.

„Ich habe nachgedacht“, begann Anna ruhig. „Du möchtest mit Helena zusammenziehen, damit sie sich um dich kümmert, und die zweite Wohnung vermieten. Verständlich. Doch fremde Mieter bedeuten immer ein Risiko: Wasserschäden, demolierte Möbel, dubiose Besucher…“

Maria Walter legte den Kopf schief. „Und was genau schwebt dir vor?“

„Den perfekten Mieter.“ Anna machte eine bedeutungsvolle Pause. „Maximilian Möller und Theo Werner.“

Für einen Moment herrschte absolute Stille. Matthias Bergmann verschluckte sich prompt an seinem Wasser.

„Du meinst doch nicht etwa… die Kinder?“ fragte Helena fassungslos.

„Doch, genau das meine ich.“ Anna nickte ungerührt. „Matthias und ich ziehen in deine Einzimmerwohnung ein. Wir zahlen reguläre Miete – schriftlich fixiert, marktüblich. Allerdings“, sie hob warnend den Zeigefinger, „entfällt damit jede bisherige finanzielle Unterstützung. Keine Einkaufsfahrten mehr, keine Möbelmontagen, kein kostenloser Kartoffelnachschub vom Großmarkt. Dafür bekommt ihr jeden Monat verlässlich Geld.“

„Aber wir wollten die Wohnung teurer vermieten“, wandte Helena zögerlich ein.

„In dem Zustand? Der letzte Anstrich stammt gefühlt noch aus Zeiten der Olympiade in München“, erwiderte Anna trocken. „Mehr ist realistisch nicht drin. Und das ist noch nicht alles.“ Sie reichte Helena ein weiteres Dokument.

„Was soll das sein?“ Helena nahm das Blatt, als handle es sich um etwas Anrüchiges.

„Ein Dienstleistungsvertrag“, erklärte Anna sachlich. „Kinderbetreuung gegen Vergütung. Da du ohnehin zu Hause bist und dich – wie du es nennst – deiner Selbstverwirklichung widmest, könntest du deine Neffen nach der Schule und aus dem Kindergarten abholen, ihnen Mittagessen machen und bei den Hausaufgaben helfen. Dafür erhältst du ein festes Honorar. Finanziert aus den Einsparungen, die wir künftig bei Benzin und… diversen Sonderwünschen haben.“

Helena sprang empört auf. „Ich soll Babysitter spielen? Mama, hörst du das? Sie degradiert mich zur Haushaltshilfe!“

„Nicht Haushaltshilfe“, korrigierte Anna gelassen, „sondern eine entlohnte Arbeitskraft. Alternativ“, fügte sie mit kühler Stimme hinzu, „wissen wir ab morgen nicht mehr, wo ihr wohnt. Wenn die Glühbirne durchbrennt oder der Abfluss verstopft ist, ruft bitte den Notdienst. Oder direkt die Vereinten Nationen.“

Maria Walter lief dunkelrot an. „Du stellst uns Bedingungen? Matthias, sag doch endlich etwas!“

Matthias sah erst seine Mutter an, dann seine Frau, schließlich lauschte er dem Lärm aus dem Kinderzimmer, wo Maximilian und Theo offenbar wieder um ein Spielzeug stritten. In seinem Blick lag plötzlich eine Klarheit, die Anna lange vermisst hatte.

„Weißt du, Mama“, sagte er langsam, „wenn wir bei Immobilien als Außenstehende gelten, warum sollen wir dann bei meinem Einkommen eine eingeschworene Familie sein?“

Maria rang hörbar nach Luft. Von ihrem sonst so gefügigen Sohn hatte sie solchen Widerspruch nicht erwartet. Sie setzte bereits zu einer Predigt über kindliche Pflichten an, doch Anna kam ihr zuvor.

„Und noch etwas, Maria Walter. Solltet ihr ablehnen, verkaufe ich morgen meinen angeblichen Anteil an der Wohnung meiner Mutter.“ Sie lächelte unschuldig – dass es diesen Anteil in Wahrheit nicht gab, musste ja niemand prüfen. „Wir nehmen eine Hypothek auf und verschwinden komplett aus eurem Alltag. Keine Feiertage, keine Sonntagsbesuche. Auch keine Enkel. Dann bleibt ihr zwei – rund um die Uhr. Für immer.“

Ein vielsagender Blick wechselte zwischen Mutter und Tochter. Die Vorstellung, ohne Matthias’ handwerkliches Geschick und ohne seinen Geldbeutel dazustehen, wirkte offenbar bedrohlicher als ein paar Stunden mit aufgeweckten Jungen.

Nach einer quälenden Minute presste Maria hervor: „Gut. Unter Vorbehalt. Aber die Miete liegt fünftausend Euro höher.“

„Fünftausend niedriger“, konterte Anna sofort. „Der Wasserhahn im Bad tropft, und Matthias wird ihn reparieren. Das rechnen wir an.“

Der Abend endete ohne Versöhnung, doch eine mündliche Einigung war erzielt. Als die Tür hinter den beiden Frauen ins Schloss fiel, lehnte sich Matthias erschöpft gegen den Türrahmen.

„Anna“, murmelte er halb bewundernd, halb erschrocken, „du bist furchteinflößend. Aber genial. Glaubst du wirklich, Helena hält länger als eine Woche mit unseren Rabauken durch?“

Anna nahm einen Schluck von ihrem inzwischen kalten Tee und lächelte geheimnisvoll. „Natürlich nicht. Genau darauf setze ich.“

Was Matthias nicht wusste: Seine Frau hatte längst mit einem Makler gesprochen, um jene besagte Einzimmerwohnung gewinnbringend zu veräußern – nachdem sie Maria zuvor auf einen kleinen, aber äußerst lukrativen juristischen Umstand aufmerksam gemacht hatte.

Fortsetzung des Artikels

LebensKlüber