Mit jeder Stunde, die verging, legte Anna Weiß innerlich den Ballast der vergangenen Tage ab. Sie hatte das Gefühl, den Staub der Demütigung regelrecht von sich abzuwaschen. Als der Abend hereinbrach, war von Ohnmacht nichts mehr geblieben. An ihre Stelle war Entschlossenheit getreten – der klare Wille, die Dinge wieder ins Gleichgewicht zu bringen.
Am Montagmorgen, kurz vor zehn, rollte eine schwarze Limousine vor dem Haupteingang des Geschäftszentrums aus. Zuerst stieg Alexander Lang aus. Groß gewachsen, makellos gekleidet, mit ruhiger, kontrollierter Miene – er strahlte eine Autorität aus, die keiner Erklärung bedurfte. Sekunden später folgte Anna. Ihr Kostüm war schlicht und elegant, das Haar streng zurückgenommen. In ihrem Blick lag nun kühle Klarheit; jede Spur von Unsicherheit war verschwunden.
Gemeinsam betraten sie das Foyer. Der Sicherheitsmitarbeiter, der sie wenige Tage zuvor noch mitleidig angesehen hatte, richtete sich abrupt auf und grüßte förmlich. Ohne ein Wort zu verlieren, gingen sie an ihm vorbei direkt zu den Aufzügen, die ausschließlich der Führungsebene vorbehalten waren.
Im Konferenzraum warteten bereits die Abteilungsleiter und Manager. Gedämpftes Murmeln erfüllte den Raum, durchzogen von spürbarer Nervosität. Anna ließ den Blick schweifen und entdeckte Elisabeth Bergmann. Diese stand zwischen einigen Bereichsleitern, nestelte angespannt an ihrem Blazer und versuchte, mit einem gezwungenen Lächeln Gelassenheit vorzutäuschen.
Punkt zehn trat der amtierende Geschäftsführer ein – ein Mann, den Alexander Lang vorerst im Amt beließ. Seine Stimme verriet Anspannung, als er das Wort ergriff.
„Meine Damen und Herren, ich bitte um Aufmerksamkeit. Es ist mir eine besondere Ehre, Ihnen den neuen Eigentümer und Vorsitzenden des Aufsichtsrats der ‚Zukunftstechnologien AG‘ vorzustellen: Alexander Lang.“
Ein Raunen verstummte augenblicklich. Alexander trat in die Mitte des Raumes. Sein Blick glitt langsam über die Versammelten, blieb einen kurzen Moment auf Elisabeth Bergmann ruhen. Sie versuchte, ihr Lächeln zu intensivieren.
„Guten Morgen“, begann er mit ruhiger, bestimmter Stimme. „Ich fasse mich kurz. Mein Ziel ist es, dieses Unternehmen auf eine neue Ebene zu führen. Dafür benötigen wir nicht nur Kompetenz, sondern auch Integrität. Intrigen, Unprofessionalität oder gar Gesetzesverstöße werden unter meiner Leitung keinen Platz haben. Um Transparenz und Effizienz sicherzustellen, schaffe ich die Position einer Vizepräsidentin für Unternehmensentwicklung. Diese Person wird direkt in meinem Auftrag handeln – ihre Entscheidungen tragen dasselbe Gewicht wie meine eigenen.“
Im Raum breitete sich absolute Stille aus. Man hörte förmlich das gespannte Warten. Elisabeth Bergmann richtete sich unwillkürlich auf; in ihren Augen blitzte Hoffnung auf, gespeist von Jahren im Unternehmen.
Alexander machte eine kurze, bewusst gesetzte Pause.
„Ich darf vorstellen: meine Vertreterin und die neue Vizepräsidentin unseres Hauses – Anna Weiß.“
Mit einer einladenden Geste wies er zur Seite. Anna trat vor und stellte sich neben ihn.
Der Ausdruck auf Elisabeth Bergmanns Gesicht veränderte sich in Sekundenbruchteilen. Das Lächeln erstarrte, zerbrach, wich blankem Entsetzen. Ihre Haut verlor jede Farbe, die Lippen öffneten sich lautlos. Fassungslos wechselte ihr Blick zwischen Vater und Tochter hin und her. Auch Lukas Sommer und Dominik Neumann, die im hinteren Teil des Raumes saßen, wirkten wie vom Schlag getroffen. Sie starrten Anna an, als sei sie eine Erscheinung, die gekommen war, um alte Rechnungen zu begleichen.
In diesem Augenblick begriffen sie alle die Tragweite. Die angeblich unfähige Mitarbeiterin, die man noch vor wenigen Tagen hinauskomplimentiert hatte, stand nun an der Spitze. Der Triumph vom Donnerstag – das Lachen, die selbstgefälligen Kommentare – verwandelte sich in ihrer Erinnerung in einen folgenschweren Irrtum.
Anna trat einen Schritt vor. Ihre Stimme klang klar und fest.
„Unsere erste Maßnahme wird eine umfassende Überprüfung der Marketingabteilung sein. Wir werden sämtliche Finanzbewegungen der letzten zwölf Monate analysieren, jede Vertragsvereinbarung prüfen und alle Projektberichte detailliert auswerten.“
Ihr Blick ruhte unverwandt auf Elisabeth Bergmann, die keinen Laut hervorbrachte.
Die Versammlung wurde rasch beendet. Die Anwesenden verließen den Raum in sichtbarer Unruhe, warfen Anna verstohlene, teils erschrockene Blicke zu. Elisabeth blieb wie angewurzelt stehen. Erst als der Saal sich leerte, näherte sie sich zögernd.
„Herr Lang… Frau Weiß…“, begann sie mit brüchiger Stimme. „Das muss ein Missverständnis sein. Ich… ich hatte ja keine Ahnung…“
Alexander unterbrach sie ruhig. „Wovon genau hatten Sie keine Ahnung? Dass man Menschen nicht herabwürdigt? Oder dass man sich nicht aneignet, was einem nicht zusteht?“
„Ich habe mir nichts angeeignet!“, rief sie schrill. „Und Anna war keine gute Mitarbeiterin. Sie hat ein wichtiges Projekt scheitern lassen!“
Anna sah sie kühl an. „Ein Projekt, dessen Daten von Ihrem Dienstrechner aus gelöscht wurden …“
