„Ihr wollt euch doch ein Wochenendhaus kaufen – dann zieht gefälligst aus der Wohnung aus“ verlangte die Schwiegermutter am Telefon und beanspruchte die Wohnung der Schwiegertochter

Diese rücksichtslosen Forderungen zerstören unser zerbrechliches Gleichgewicht.
Geschichten

„Ihr wollt euch doch ein Wochenendhaus kaufen – dann zieht gefälligst aus der Wohnung aus“ – die Schwiegermutter hat es auf die Wohnung der Schwiegertochter abgesehen

Alles nahm seinen Anfang an einem Samstagmorgen, als das Telefon schrillte.

„Hannah, mein Kind“, begann Elisabeth Roth mit einer Stimme, die vor kaum gebändigter Aufregung vibrierte. „Ich habe mir so meine Gedanken gemacht… Ihr plant doch ohnehin, ein Wochenendhaus zu erwerben, nicht wahr? Und was soll ich in der Zwischenzeit allein in meiner Wohnung? Ich ziehe einfach zu euch. Meine Wohnung vermiete ich, und die Einnahmen steuere ich zu eurem Häuschen bei.“

Hannah Lang presste das Handy ans Ohr und warf einen Blick in die Küche. Dort saß Leon Lehmann am Tisch, eine Kaffeetasse in der Hand, vollkommen vertieft in sein Smartphone. Er hob nicht einmal den Kopf.

„Frau Roth, darüber müssten wir erst einmal in Ruhe sprechen“, setzte Hannah an – doch ihre Schwiegermutter ließ sie gar nicht ausreden.

„Was gibt es da zu besprechen? In einer Familie unterstützt man sich. Ich bin bereit, auf meinen Komfort zu verzichten. Oder erwartest du etwa, dass ich zur Miete wohne, nur damit ihr euch euren Traum erfüllen könnt?“

Nachdem das Gespräch beendet war, stellte Hannah ihre inzwischen kalt gewordene Tasse wortlos ab und sah ihren Mann lange an.

„Sie will hier einziehen“, sagte sie ruhig.

Erst jetzt blickte Leon auf. „Meine Mutter? Ach was, das ist doch nur vorübergehend. Bis wir das Wochenendhaus gefunden haben. Die Mieteinnahmen helfen uns enorm. Sonst sparen wir noch bis nächsten Sommer.“

„Leon, die Wohnung gehört mir.“

„Uns“, korrigierte er automatisch. „Wir sind verheiratet.“

„Sie ist auf meinen Namen eingetragen. Schon vor unserer Hochzeit“, entgegnete sie leise, doch jedes Wort traf wie ein klarer Schlag. „Und ich bin mir nicht sicher, ob das eine gute Idee ist.“

„Jetzt übertreib nicht. Sie ist meine Mutter. Sie meint es gut mit uns. Ein Jahr, vielleicht anderthalb – höchstens zwei – und dann haben wir unser Häuschen. Du wolltest das doch auch unbedingt.“

Ja, sie wollte es. Raus aus der Stadt im Sommer, Blumen pflanzen, Freunde zum Grillen einladen, unter einer Pergola Tee trinken. Ein Ort mit Luft zum Atmen, fern von stickigen Wänden und dem Nachbarn über ihnen, der jede Nacht etwas fallen ließ. Aber wollte sie dafür mit ihrer Schwiegermutter Tür an Tür leben?

Zwei Wochen später stand Elisabeth Roth mit vier Koffern, mehreren Kartons und einer beinahe deckenhohen Zimmerpflanze vor der Tür.

„Nur für kurze Zeit“, beteuerte sie, während sie eine weitere Schachtel in die Abstellkammer schob. „Ich werde euch nicht zur Last fallen, Hannah. Ich bin leise, fast unsichtbar.“

Der erste Monat verlief erstaunlich friedlich. Elisabeth bemühte sich tatsächlich, nicht im Weg zu sein. Sie kochte, putzte und überwies sogar einen Teil ihrer Rente auf ein separates Konto für das geplante Wochenendhaus. Nach Feierabend fand Hannah eine blitzblanke Küche vor, im Kühlschrank standen frisch zubereitete Frikadellen oder ein dampfender Eintopf bereit.

„Siehst du, wie gut das funktioniert?“, meinte Leon zufrieden und legte den Arm um Hannahs Schultern. „Meine Mutter unterstützt uns, wir sparen, und bald finden wir etwas Passendes.“

Doch allmählich fügten sich kleine Unstimmigkeiten zu einem störenden Gesamtbild. Zuerst ordnete Elisabeth die Küchenschränke neu – „so ist es praktischer, schließlich koche ich häufiger“. Kurz darauf verschwanden Hannahs Fotos aus dem Wohnzimmerregal – „sie verstauben nur, meine Porzellanfiguren kommen dort besser zur Geltung“. Dann begannen die Ratschläge.

„Hannah, willst du wirklich schon wieder dieses Kleid anziehen? Mit deiner Figur solltest du dich vorteilhafter präsentieren. In deinem Alter habe ich…“

„Leon, könntest du mit ihr reden? Sie gibt zu viel Geld aus. Gestern hat sie für 15 Euro Hähnchen gekauft, dabei bekommt man es im Großmarkt günstiger.“

„Ihr wollt ins Kino? Und wovon spart ihr dann für das Wochenendhaus? Bleibt doch hier, ich koche euch Tee.“

Hannah biss sich auf die Zunge. Sie schwieg, als ihr Essen kritisiert wurde. Sie schwieg, wenn Elisabeth ihrem Sohn zuflüsterte, Hannah komme zu spät nach Hause – „wer weiß, was sie dort treibt“. Sie schwieg sogar, als man ihr nahelegte, freundlicher zu ihrem Mann zu sein, sonst könne er sich irgendwann abwenden.

„Es ist nur vorübergehend“, sagte sie sich immer wieder. „Halte durch. Bald ist es geschafft.“

Ein halbes Jahr lang suchten sie nach einem geeigneten Wochenendhaus. Sie besichtigten Inserate, fuhren hinaus ins Umland, verhandelten über Preise und rechneten jeden einzelnen Euro sorgfältig durch.

Fortsetzung des Artikels

LebensKlüber