„…und du willst deine Prämie für irgendwelchen überflüssigen Weiberkram verpulvern?“
Sophie Kraus sah die Frau an, die ungefragt an ihrem Küchentisch saß – in der Wohnung, die sie und Sebastian Otto Monat für Monat gemeinsam abbezahlten. In ihrer Ehe hatte es immer noch jemanden Dritten gegeben, unsichtbar, aber ständig präsent. Sebastian trug seiner Mutter alles zu: was sie abends kochten, wohin sie am Wochenende gingen, sogar wie hoch Sophies Weihnachtsbonus ausgefallen war.
„Wenn Sebastian unbedingt ein Boot möchte, kann er es sich selbst verdienen“, entgegnete Sophie ruhig. Gerade diese beherrschte Tonlage ließ ihre Worte umso entschlossener klingen im Vergleich zu Sabine Hermanns aufwallender Empörung. „Und was ich mit meinem Geld mache, entscheide ich allein. Darüber spreche ich mit meinem Mann – nicht mit einer dritten Person.“
„Dritte Person?“ Sabine schlug so heftig mit der Hand auf den Tisch, dass die Tasse hochsprang und ein Schwall dunklen Tees sich über die makellose Tischdecke ergoss. „In einer Familie gibt es kein ‚mein‘ und ‚dein‘! Alles gehört in einen Topf – fürs Haus, für den Ehemann! Du bist egoistisch! Du presst meinen Sohn aus wie eine Zitrone!“
Im Türrahmen der Küche tauchte Sebastian auf. Zerknittert, in einem ausgeleierten grauen Unterhemd und Jogginghose mit ausgebeulten Knien. Sein Blick huschte unsicher zwischen Mutter und Ehefrau hin und her. Mit fünfunddreißig wirkte er in diesem Moment wie ein ertappter Jugendlicher, der beim Rauchen erwischt worden war.
„Was ist denn hier los? Warum schreit ihr?“ murmelte er und verlagerte nervös das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. „Mama, bitte… Sophie… Müssen wir streiten?“
Er zwang sich zu einem versöhnlichen Lächeln, bemüht, es beiden recht zu machen. Sich klar hinter seine Frau zu stellen, wagte er nicht – die Vorwürfe seiner Mutter würden kein Ende nehmen. Und sie zurechtzuweisen, dazu fehlte ihm vollends der Mut.
„Du hältst dich da raus!“, fauchte Sabine ihn an. Sofort zog Sebastian den Kopf ein, als hätte man ihn geohrfeigt.
Das Bewusstsein ihrer unangefochtenen Dominanz schien Sabine zusätzlich anzustacheln. Abrupt sprang sie vom Stuhl auf; die Stuhlbeine kratzten schrill über das Linoleum. Von der zuvor zur Schau gestellten Vornehmheit blieb nichts übrig. Ihr Gesicht verzerrte sich vor Zorn, an ihrer Schläfe pochte eine hervortretende Ader.
„Ich werde dir schon beibringen, wie man Ältere respektiert! Ich zeige dir, wer hier das Sagen hat!“ schrie sie und machte einen schnellen Schritt auf Sophie zu.
