„Lena, dein Urlaub ist gestrichen“ verkündete Markus siegessicher beim Abendessen und lehnte sich mit selbstzufriedener Miene zurück, während Lena nur ruhig lächelte

Sein Verhalten war kleinlich, ihr Lächeln bewundernswert.
Geschichten

„Wo warst du eigentlich, als sie ihre Sachen gepackt hat?“

„Ich war betrunken.“

„Natürlich warst du das! Was frage ich überhaupt? Klar hast du getrunken. Und währenddessen ist sie mit wehenden Fahnen in die Sonne abgehauen – mit ihrem Liebhaber! Für sie ist offenbar nichts heilig. Und du hockst hier herum wie ein gerupftes Huhn. Schämen solltest du dich! Steh auf, fahr ihr hinterher, hol sie zurück!“

Markus Lorenz verzog nur den Mund zu einem schiefen Lächeln. „Wozu denn, Mama? Sie hat deutlich geschrieben: ‚Leb wohl.‘ Das ist ziemlich eindeutig. Es gibt da nichts mehr zu retten. Und außerdem …“ Er zuckte mit den Schultern. „Jetzt hat sie doch alles – Geld, einen Reisepass, vielleicht sogar das Glück.“

„Ach, Markus … mein Junge … du begreifst gar nichts“, murmelte Andrea Lehmann und sank schwer auf einen Stuhl. Ihr Blick verlor sich auf den Fliesen. „Ich war es, die alles falsch gemacht hat. Ihr hättet Lena das Ticket kaufen sollen – nicht ich.“

Ein Monat verging. Lena Schmitt kam nicht zurück.

Über soziale Netzwerke erfuhr Andrea, dass Lena keineswegs in der Türkei war. Die Fotos zeigten Zypern. Danach Rom. Schließlich Paris. Auf jedem Bild lachte sie unbeschwert, posierte vor dem Eiffelturm in einem lachsfarbenen Kleid, elegant und selbstsicher. Der bärtige Mann hieß Elias Hartmann – geschieden, Unternehmer, wohnhaft irgendwo in Europa.

Unter einem der Bilder stand: „Wenn eine Frau aufhört, vom Ehemann Wunder zu erwarten, erschafft sie sich ihr eigenes.“

Kurz darauf trafen die Scheidungspapiere ein. Markus überflog sie nicht einmal. Er setzte mechanisch seine Unterschrift darunter und brachte den Umschlag noch am selben Tag zur Post.

In der Küche saß Andrea, in wenigen Wochen sichtlich gealtert, das Haar beinahe vollständig ergraut. Leise murmelte sie: „Ich wollte doch nur, dass mein Sohn glücklich wird … Und nun sitzt er allein da. Er wollte ans Meer – und bekommen hat er Einsamkeit und Spott.“

Weitere zwei Wochen zogen ins Land. Dann klingelte es eines Nachmittags an der Tür.

Widerwillig öffnete Markus. Vor ihm stand Lena. Gepflegt, strahlend, in einer stilvollen Bluse, die Haut von einem sanften mediterranen Braun geküsst. Für einen Moment glaubte er zu träumen.

„Hallo, Markuschka“, sagte sie leicht und trat ein, als wäre sie nie fort gewesen. „Ich muss ein paar Dinge holen – alte Fotos, einige Unterlagen. Das stört dich doch nicht?“

Er nickte stumm. Nachdem sie eine Weile schweigend im Flur gestanden hatten, rang er sich zu einer Frage durch.

„Bist du … glücklich mit Elias?“

Sie sah ihn direkt an. „Ja. Sehr sogar. Aber das Wichtigste ist: Er respektiert mich. Und das hast du nie getan.“

„Weil ich damals das Ticket für meine Mutter gekauft habe und nicht für dich?“

„Nein, Markus. Sondern weil du dich immer für sie entschieden hast – gegen mich. Immer. Beim Auto, beim Urlaub, sogar als ich dich nur um einen einzigen Abend zu zweit bat, da hast du trotzdem deine Mutter zum Essen eingeladen.“

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