„Lena, dein Urlaub ist gestrichen“ verkündete Markus siegessicher beim Abendessen und lehnte sich mit selbstzufriedener Miene zurück, während Lena nur ruhig lächelte

Sein Verhalten war kleinlich, ihr Lächeln bewundernswert.
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„Lena, dein Urlaub ist gestrichen“, verkündete Markus Lorenz beim Abendessen und lehnte sich mit selbstzufriedener Miene zurück. Man sah ihm deutlich an, wie sehr er diesen Moment auskostete. „Ich habe stattdessen für meine Mutter eine Reise gebucht. Sie hat ihr ganzes Leben vom Meer geschwärmt. Jetzt soll sie endlich fahren – an deiner Stelle. Sie hat es sich verdient.“

Lena Schmitt hob langsam den Blick von ihrem Teller. Lange und aufmerksam musterte sie ihren Mann, als wolle sie prüfen, ob er es ernst meinte. Kein Wort kam über ihre Lippen. Schließlich lächelte sie – nicht spöttisch, nicht verletzt, sondern auf eine beinahe irritierend ruhige Weise.

Gerade dieses Lächeln brachte Markus aus dem Konzept. Innerlich hatte er sich auf Tränen, Vorwürfe oder zumindest eine hitzige Diskussion vorbereitet. Vielleicht sogar auf einen Teller, der in seine Richtung segelte. Doch nichts dergleichen geschah. Nur Stille – und dieses unergründliche Lächeln.

„Also… es macht dir wirklich nichts aus?“, hakte er nach, diesmal deutlich weniger siegessicher. „Ganz ehrlich?“

„Aber nein, Schatz“, antwortete Lena gelassen und aß weiter, als spräche man über das Wetter. „Wenn deine Mutter sich so sehr nach dem Meer sehnt, dann soll ihr Wunsch eben in Erfüllung gehen. Warum sollte ich etwas dagegen haben?“

Markus runzelte die Stirn. Woher kam plötzlich dieser sanfte Ton? Lief das tatsächlich so reibungslos ab? Er atmete innerlich auf. „Siehst du“, dachte er zufrieden, „meine Lena ist eben doch vernünftig.“

Drei Tage später trat Andrea Lehmann ihre Reise in die Türkei an. Ein neuer Badeanzug, ein Koffer bis zum Rand gefüllt und ein Gesicht, das vor Vorfreude strahlte. Ununterbrochen plapperte sie:

„Schau mal, Lena, steht mir dieser Hut nicht ausgezeichnet? Den habe ich mir von unserer Nachbarin Tamara geborgt – zurückgeben werde ich ihn sicher nicht, sie darf ruhig neidisch sein. Markus, mein Junge, tausend Dank! Du bist ein wahrer Sohn. Und du, Lena, sei nicht traurig. Obwohl…“ Sie kicherte. „Vielleicht bekommst du ja ein schlechtes Gewissen, wenn ich am Strand liege, während du hier in der stickigen Wohnung ausharrst.“

Der Humor der Schwiegermutter war gewöhnungsbedürftig. Lena jedoch nickte lediglich höflich und lächelte still.

Am Abend saß Markus entspannt mit einer Bierflasche vor dem Fernseher und verfolgte ein Fußballspiel. Er fühlte sich großartig – wie ein Held, der seiner Mutter eine Freude gemacht und zugleich einen Ehestreit vermieden hatte. „So sieht ein erwachsenes, harmonisches Familienleben aus“, dachte er selbstzufrieden. „Alles im Griff.“

Doch genau da begann es.

Am folgenden Abend kam Lena nicht nach Hause. Ihr Handy blieb stumm. Zunächst nahm Markus es gelassen, doch gegen Mitternacht kroch Unruhe in ihm hoch. Als er ins Bad ging, bemerkte er, dass ihre Zahnbürste fehlte. Ein ungutes Gefühl beschlich ihn. Hastig öffnete er den Kleiderschrank – und erstarrte: Die Hälfte ihrer Sachen war verschwunden.

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