„Hunderttausend … zweihundert …“ Seine Stimme verlor sich, während sein Blick über die Zahlen flog. „Sandra, hier summiert sich das auf beinahe eine Million Euro. Wie ist das möglich? Julia, das muss doch ein Irrtum sein?“
Julia schüttelte langsam den Kopf. „Kein Rechenfehler. Sandra hat mich immer wieder um Geld gebeten – angeblich für eine dringende Operation ihrer Mutter, für unbezahlte Nebenkosten, später sogar, um deinen Arbeitsplatz zu retten, Sebastian. Sie erzählte von Katastrophen, die euch angeblich bevorstanden. Und ich habe ihr vertraut. Ich habe ihr Bargeld gegeben, ohne Quittung, ohne Nachfrage.“ Ihre Stimme blieb ruhig, doch in ihren Augen lag blanke Enttäuschung. „Bis ich ihre Mutter zufällig im Stadtpark traf. Kerngesund. Und vollkommen irritiert, als ich sie vorsichtig auf ihre schwere Krankheit ansprach.“
Sandra sprang so abrupt auf, dass ihr Stuhl über den Boden kratzte. Ihr Gesicht verfärbte sich fleckig, jede Spur der eben noch gespielten Herzlichkeit war verschwunden. Zurück blieb ein harter, beinahe aggressiver Ausdruck.
„Wie kannst du es wagen!“ fauchte sie. „Du schwimmst im Geld und zählst jetzt jeden Cent! Für dich ist das doch nichts. Für mich war es die einzige Möglichkeit, neben dir nicht wie eine armselige Versagerin dazustehen!“
„Du bist keine Versagerin, Sandra“, entgegnete Julia und erhob sich ebenfalls. „Du hast gestohlen.“ Ihre Worte trafen kühl und präzise. „Und ich werde heute keinen einzigen Euro für dieses Abendessen übernehmen. Sebastian, ganz hinten in der Mappe findest du Kopien der Anzeigen – sowohl bei der Polizei als auch beim Gericht. Ich habe lange genug Beweise gesammelt. Deine Frau hat nicht nur mein Geld veruntreut. Sie hat sogar deine Unterschrift gefälscht, um angebliche Investitionen aus euren gemeinsamen Rücklagen in frei erfundene Fonds zu tätigen.“
Langsam kam Sebastian auf die Beine. Er wirkte, als hätte man ihm soeben den Boden unter den Füßen weggezogen. Sein Blick ruhte auf Sandra – nicht wütend, nicht laut, sondern kalt und fremd, als sähe er eine Unbekannte.
„Herr Ober“, sagte er tonlos, „nehmen Sie das bitte zurück. Wir können die Rechnung nicht begleichen. Dafür reicht es nicht.“
„Darüber müssen Sie sich keine Gedanken machen“, erwiderte Julia und strich beiläufig über das Armband ihrer eleganten Uhr. „Mir war klar, dass das Budget knapp ist. Ich habe bereits mit der Geschäftsleitung gesprochen. Man wird die Polizei hinzuziehen, um die nicht beglichene Rechnung offiziell festzuhalten. Das ergänzt meine Betrugsanzeige ganz hervorragend.“ Sie sah Sebastian einen Moment lang an. „Es tut mir leid um dich. Aber ich werde dich nicht noch einmal aus der Misere ziehen. Das hier müsst ihr selbst klären.“
Julia Huber
