„Wir nehmen den Kaviar und diese große Meeresfrüchteplatte, Punkt!“ sagte Sandra fordernd und setzte Julia unter Druck

Ihr berechnendes Lächeln wirkt kalt und verwerflich.
Geschichten

— Julia, nun stell dich doch nicht so an! Seit zehn Jahren sind wir befreundet, und du rechnest immer noch jeden Cent im Kopf zusammen. Wir nehmen den Kaviar und diese große Meeresfrüchteplatte, Punkt! — Sandra Lorenz klappte die Speisekarte mit einer Geste zu, als hätte sie persönlich das ganze Restaurant finanziert. — Außerdem hatte ich Geburtstag. Einmal im Jahr darf ich mich doch wie eine Frau fühlen und nicht wie eine Küchenmaschine im Dauerbetrieb.

Julia Huber stellte ihr Wasserglas ruhig beiseite. Während sie ihre Freundin musterte, sah sie längst nicht mehr das vertraute Gesicht aus alten Zeiten, sondern eine geschickte Strategin, die es meisterhaft verstand, Schuldgefühle und nostalgische Verbundenheit auszunutzen. Sandra beherrschte dieses Spiel perfekt: Erst erzählte sie mit leidender Miene von ihren Sorgen, und sobald sich die Geldbörse der „erfolgreichen Freundin“ öffnete, griff sie ohne Zögern zu den teuersten Positionen auf der Karte.

— Bestell ruhig, Sandra. Wenn du meinst, es steht dir zu, — sagte Julia gelassen und gab dem Kellner ein kaum wahrnehmbares Zeichen.

Sebastian Peters, Sandras Ehemann, saß steif auf dem edlen Lederstuhl, als würde er auf Nadeln hocken. Immer wieder zupfte er an seiner schlichten Krawatte und warf verstohlene Blicke auf die Preise in der Weinkarte. Sein Ingenieursgehalt hätte vermutlich nicht einmal für die Vorspeisen gereicht, doch Sandra hatte ihm über Jahre eingeredet, Julia sei ihr gemeinsamer sozialer Aufstieg. Wer ein florierendes Unternehmen führe, müsse schließlich teilen.

Der Abend nahm seinen gewohnten Verlauf. Sandra ließ sich die Delikatessen schmecken und beklagte sich gleichzeitig über die gestiegenen Lebenshaltungskosten und darüber, dass ihr alter Wagen ständig in der Werkstatt stehe.

— Stell dir vor, Julia, jetzt ist schon wieder das Getriebe hinüber. Der Mechaniker will 100.000 Euro. Wo sollen wir die bitte hernehmen? Sebastian bringt ja kaum etwas nach Hause, — sagte sie spitz und deutete geringschätzig auf ihren Mann, der angestrengt ein Stück teuren Fisch kaute und es vermied, Julia anzusehen.

— In der Tat, Sebastian, wo ist das Geld geblieben? — Julia beugte sich leicht vor, und in ihren Augen lag plötzlich der kühle, präzise Blick einer Frau, die Bilanzen prüft. — Soweit ich informiert bin, habt ihr zwei Jahre lang konsequent Geld zur Seite gelegt.

Fortsetzung des Artikels

LebensKlüber