«Na siehst du, Moritz, jetzt bin ich wohl die reiche Erbin» — sagte sie leise, und Moritz‘ selbstgefälliges Lächeln zerbröckelte

Erschütternd, wie verlogen und grausam sie sind.
Geschichten

In diesem Weinen lagen Erleichterung und Loslassen, aber auch das stille Eingeständnis dessen, was sie all die Jahre verdrängt hatte. Karoline Hoffmann weinte und lächelte zugleich. Passanten warfen ihr befremdete Blicke zu, manche wechselten die Straßenseite, doch das alles berührte sie nicht mehr. Zum ersten Mal seit Langem musste sie niemandem etwas erklären.

Der Bus kam nach wenigen Minuten. Karoline setzte sich ans Fenster und betrachtete ihr Spiegelbild in der beschlagenen Scheibe. Ein grauer Mantel, ein abgetragener Schal, ein Gesicht, dem man Müdigkeit ansah. Und doch waren da Augen, die sie kaum wiedererkannte: wach, klar, nicht mehr gehetzt. Sie zog das Handy hervor. Drei verpasste Anrufe von Moritz Fuchs. Ohne Zögern öffnete sie die Einstellungen, setzte seine Nummer auf die Sperrliste. Eine kurze Bewegung des Daumens – und ein Kapitel war beendet.

Draußen glitten eintönige Häuserzeilen vorbei, nasser Asphalt spiegelte das Licht vereinzelter Laternen. Karoline presste die Tasche mit den Papieren an sich und dachte an den Moment des Abschieds. An die Hand ihres Schwiegervaters, wie sie ihre umschlossen hatte, fest und zugleich vorsichtig. Kein Wort war gefallen, doch sein Blick hatte gesprochen. Jetzt verstand sie, was er ihr hatte mitgeben wollen. Alles Wesentliche hatte er gesagt – auf seine stille, unbeholfene Art.

An ihrer Haltestelle stieg sie aus, ging durch den dunklen Innenhof und die Treppe hinauf bis in den dritten Stock. Die Wohnung empfing sie mit Stille. Aber diese Stille war nicht mehr kalt oder bedrohlich, sondern gehörte ihr. Karoline zog den Mantel aus, stellte den Wasserkocher an und setzte sich ans Fenster. Jenseits der Scheibe pulsierte die Stadt, fremd und gleichgültig. Hier drinnen jedoch begann etwas Eigenes. Ein Leben ohne Moritz, ohne die Last unausgesprochener Erwartungen, ohne das tägliche Schauspiel, so zu tun, als wäre alles in Ordnung.

Am nächsten Morgen würde sie zur Bank fahren. Danach würde sie den alten Koffer abholen. Und irgendwann würde sie das Foto finden, ganz unten, mit dem jungen Mann und der Frau, die ihr so ähnlich sah. Vielleicht würde sie dann begreifen, warum er ihr damals, 1987, vertraut hatte. Weshalb er gerade sie ausgewählt hatte. Warum er so vieles verschwieg und dennoch nichts vergaß.

Jetzt aber saß Karoline einfach nur da, blickte hinaus und atmete. Tief, ruhig, ohne Angst. Frei. Zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren.

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