«Na siehst du, Moritz, jetzt bin ich wohl die reiche Erbin» — sagte sie leise, und Moritz‘ selbstgefälliges Lächeln zerbröckelte

Erschütternd, wie verlogen und grausam sie sind.
Geschichten

Mit einem Ruck sprang Moritz Fuchs auf, umrundete hastig den Tisch und griff nach Karolines Schulter. Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, das schief wirkte, aufgesetzt, beinahe erbärmlich.

„Karoline, wir gehören doch zusammen, wir sind Familie“, stieß er atemlos hervor, die Worte überschlugen sich. „So viele Jahre… lass uns vernünftig reden, ruhig, menschlich. Dein Vater wollte bestimmt, dass wir alles gemeinsam regeln, wie eine richtige Familie. Ich bin dir doch nicht fremd, oder?“

Karoline erhob sich langsam und schob den Stuhl zurück. Sie nahm die Unterlagen vom Tisch, das Sparbuch, den Umschlag mit dem Brief. Moritz stand dicht neben ihr. Sein Parfum war ihr vertraut – früher hatte dieser Geruch Sicherheit bedeutet. Jetzt drehte sich ihr der Magen um.

„Ruhig reden?“, fragte sie und sah ihm fest in die Augen. Er wich unwillkürlich einen Schritt zurück. „So ruhig wie damals, als du zwei Wochen nach der Beerdigung ganz gelassen ausgezogen bist? Oder so ruhig wie in dem Moment, als ich dich bat, deinem Vater aufzuhelfen, und du seelenruhig zu ihr gegangen bist?“

„Karoline, warum kramst du das alles wieder hervor“, setzte Moritz an, seine Stimme wurde weich, fast schmeichelnd. „Wir sind erwachsen, wir können uns einigen. Das Haus kostet Geld, Reparaturen stehen an. Vielleicht hilfst du mir ein wenig, und ich revanchiere mich – wir müssen doch keine Feinde sein.“

Antonia Engel fuhr abrupt hoch. Ihre helle Lammfelljacke flog auseinander und gab den Blick auf einen kurzen Rock frei.

„Moritz, meinst du das ernst?“, kreischte sie und fuhr zu ihm herum. „Du hast mir Sylt versprochen, ein neues Auto, du hast gesagt, alles sei geregelt! Und jetzt? Jetzt nimmt diese… deine Ex einfach alles, und was bleibt uns?“

„Antonia, sei still, bitte“, versuchte Moritz sie zu bremsen, doch sie ließ sich nicht stoppen.

„Nein, ich halte nicht den Mund!“, schrie sie weiter. „Ich habe ein halbes Jahr gewartet, bis du dich endlich scheiden lässt, habe deine leeren Versprechen geschluckt – und nun stellt sich heraus, dass sie mehr Geld hat als du! Vielleicht gehst du am besten gleich zu ihr zurück!“

Karoline schloss ruhig die Knöpfe ihres Mantels und band sich den Schal um. Jede Bewegung saß, ohne Hast, ohne Zittern. Sie wandte sich Antonia zu, und diese verstummte mitten im Satz.

„Vorhin haben Sie über meinen alten Koffer gelacht“, sagte Karoline leise, doch ihre Stimme war hart wie gefrorenes Glas. „Dieser Koffer ist mir wertvoller als all Ihre Zukunftspläne. Denn er wurde von einem Menschen gepackt, der wusste, was Anstand bedeutet. Das ist etwas, das Sie niemals begreifen werden.“

Sie nahm ihre Tasche, nickte dem Notar knapp zu und ging zur Tür. Hinter ihr überschlug sich Moritz’ Stimme – Worte über Gewissen, gemeinsame Jahre, Gerechtigkeit. Antonia kreischte, verlangte Erklärungen. Karoline trat in den Flur, und die Tür fiel ins Schloss, schnitt die Stimmen ab wie mit einem Messer. Auf der Treppe nach unten wurde ihr Atem mit jeder Stufe freier.

Draußen hing kalter Novemberregen in der Luft, doch Karoline fröstelte nicht. An der Haltestelle setzte sie sich auf die nasse Bank, öffnete ihre Tasche und zog den Umschlag hervor. Sie las den Brief noch einmal, langsam, Zeile für Zeile. Ganz unten, in kleiner, zittriger Handschrift, stand ein Nachsatz, der ihr zuvor entgangen war:

„Leb dein Leben, Karolinchen. Du hast es dir verdient. Und nimm meinen Koffer unbedingt mit – ganz unten, unter den Werkzeugen, liegt ein Foto. Deine Großmutter und ich, jung und voller Hoffnung. Ich wollte, dass du weißt: Ich habe gesehen, wer du bist. Meine Katharina war genauso. Danke dir für alles.“

Karoline faltete das Papier sorgfältig zusammen und legte es zurück in die Tasche. Die Tränen kamen von selbst, doch es waren nicht mehr die lautlosen, nächtlichen Tränen der Verzweiflung, sondern solche, in denen sich Erleichterung, Befreiung und ein leiser Anfang von Frieden mischten.

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