Nach den Trauerfeierlichkeiten verschwand Moritz Fuchs fast sofort. Er murmelte etwas davon, dass ihm in diesen Räumen die Luft fehle, dass er hier nicht mehr atmen könne. Karoline Hoffmann blieb zurück, räumte schweigend den Tisch ab, spülte Teller und Gläser, stellte alles ordentlich in die Schränke. Die Wohnung war leer wie nie zuvor, eine Stille lag darin, so dicht, dass sie in den Ohren schmerzte. Zum ersten Mal seit fünfzehn Jahren musste sie nachts nicht mehr aufstehen, um nach einem kranken Menschen zu sehen, um zu prüfen, ob der Atem noch ging – sie war allein, vollkommen allein.
Keine vierzehn Tage später packte Moritz seine Sachen. Unten vor dem Haus wartete Antonia Engel, eingehüllt in eine weiße Lammfelljacke, auffällig, geschniegelt, wie aus einer Hochglanzwerbung entsprungen. Karoline stand hinter dem Vorhang am Fenster und beobachtete, wie ihr Mann Koffer und Taschen zum Auto schleppte. Ein Teil von ihr hoffte, er würde sich noch einmal umdrehen, irgendetwas sagen, vielleicht sogar zögern. Doch Moritz setzte sich wortlos ans Steuer und fuhr davon. In dieser Nacht war das Kopfkissen nass vor Tränen, aber niemand war da, der es hätte bemerken können.
— Also gut, das Haus gehört mir, die Rücklagen ebenfalls, — sagte Moritz später selbstzufrieden und blätterte durch die Unterlagen. Er nickte, als bestätige jedes Dokument seine Überlegenheit. — Vater hat alles korrekt geregelt, so wie es sich gehört, alles dem Sohn vermacht. Und du, Karoline, mach dir keine Sorgen, vielleicht liegt auf deinem alten Sparbuch noch ein paar Euro aus grauen Zeiten. Für Brot wird es schon reichen.
— Schatz, mal ehrlich, wer braucht denn diesen ganzen Werkzeugkram überhaupt? — Antonia kicherte, beugte sich zu ihm hinüber. — Man könnte den ganzen Plunder doch einfach entsorgen, wozu Platz verschwenden?
Karoline hob langsam den Blick von dem Brief, den sie in den Händen hielt. Sie sah die beiden an: Moritz entspannt, siegessicher, Antonia dicht bei ihm, wie eine Trophäe. Dann senkte sie die Augen wieder auf die Zeilen, geschrieben mit der zittrigen Handschrift eines Mannes, der wusste, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb.
„Hast du gedacht, ich höre dich nachts nicht weinen, dort in der Küche? Ich habe jedes Schluchzen gehört, Karolinchen. Die Wände sind dünn. Und deshalb habe ich es so geregelt. Das Sparbuch auf deinen Namen – darauf liegt meine Versicherungsleistung aus dem Arbeitsunfall. Es war eine hohe Summe, eine wirklich hohe. Ich habe das Geld damals schon auf dich eingezahlt, als du als Schwiegertochter in unser Haus kamst. Ich wollte sehen, was für ein Mensch du bist. Du hast die Prüfung bestanden, er nicht. All die Jahre ist das Geld dort geblieben, Zinsen sind dazugekommen. Heute ist es ein Betrag, der den Wert dieses Hauses um ein Vielfaches übersteigt, mindestens das Fünffache, vielleicht sogar mehr.“
Karoline hob den Kopf und sah den Notar an. Er bestätigte stumm mit einem Nicken und zog ein weiteres Schriftstück aus seiner Mappe.
— Frau Hoffmann, laut der Bankbescheinigung befindet sich auf dem auf Ihren Namen laufenden Sparbuch ein Vermögen, das den Wert der an Herrn Fuchs vererbten Immobilie um ein Mehrfaches übersteigt. Es handelt sich um Kapital, das ausreicht, um mehrere Immobilien in zentraler Lage zu erwerben.
Die Stille fiel abrupt in den Raum, so vollständig, dass man draußen das leise Rauschen des Regens hören konnte. Moritz erstarrte mit den Papieren in der Hand, sein selbstgefälliges Lächeln zerbröckelte langsam. Antonia hörte auf zu lachen, blickte erst den Notar an, dann Karoline, und in ihren Augen flackerte Unsicherheit auf.
— Moment mal, was heißt denn ein Mehrfaches? — Moritz richtete sich ruckartig auf, die Dokumente glitten ihm aus den Fingern auf den Tisch. — Wie viel ist das? Wie viel genau?
— Die exakte Summe darf ich ohne das Einverständnis von Frau Hoffmann nicht nennen, — erwiderte der Notar ruhig, beinahe nüchtern, — aber wir sprechen von einem erheblichen Vermögen.
— Moritz, warte, vielleicht ist da irgendwo ein Fehler, — Antonia klammerte sich an seinen Arm, ihre Stimme überschlug sich fast. — Das ist doch so ein uraltes Sparbuch, da kann doch unmöglich noch etwas drauf sein, lass uns das erst richtig klären…
Moritz wurde kreidebleich, dann lief ihm die Röte ins Gesicht, um gleich darauf wieder zu verschwinden. Sein Blick klammerte sich an Karoline, Panik zeichnete sich darin ab. Karoline faltete den Brief sorgfältig zusammen und schob ihn zurück in den Umschlag. Ihre Hände waren ruhig, kein Zittern mehr.
— Na siehst du, Moritz, — sagte sie leise und wiederholte seine Worte von vorhin, — jetzt bin ich wohl die reiche Erbin, und jedes einzelne dieser Worte traf ihn wie ein harter, unerwarteter Schlag.
