„Na also, Karoline, jetzt bist du offiziell eine steinreiche Erbin“, spottete Moritz Fuchs, ließ sich in den Sessel fallen und brach in ein dröhnendes Gelächter aus, sodass der Notar missbilligend die Stirn runzelte. „Ein paar Sägen und uralte Hobel sind dir geblieben. Entweder eröffnest du eine Werkstatt oder du bringst den Kram zum Schrott – mit Glück springt ein paar Euro heraus.“
„Moritz, hör auf, so einen Unsinn zu reden“, kicherte Antonia Engel, hielt sich halbherzig die Hand vor den Mund, doch ihr Lachen sickerte dennoch hervor. „Ich sehe sie schon, wie sie diesen Kasten quer durch die Stadt schleppt. Karoline, brauchst du Träger für dein Vermögen oder schaffst du das allein?“
Ihre Fingernägel leuchteten grellrosa, das Haar war kunstvoll gelockt, und ein süßlicher Parfümduft lag schwer um sie herum. Sie schmiegte sich demonstrativ an Moritz’ Schulter, als wolle sie ihren Anspruch markieren. Karoline Hoffmann saß ihnen gegenüber, im abgetragenen grauen Mantel, die Hände ruhig im Schoß. Ihr Blick hing am Fenster, hinter dem der Novemberregen die Stadt zu einem farblosen Schleier verwischte. Sie schwieg.
Der Notar räusperte sich und vertiefte sich erneut in die Akten.

„Gemäß dem Testament erhält Moritz Fuchs das Einfamilienhaus mit Grundstück im Randgebiet sowie sämtliche Ersparnisse auf dem Konto des Verstorbenen“, las er nüchtern vor. „Karoline Hoffmann werden zugesprochen: eine hölzerne Truhe mit Werkzeug, ein Sparbuch auf ihren Namen, eröffnet im Jahr 1987, sowie ein versiegelter Umschlag. Dieser Umschlag ist hier und jetzt im Beisein aller Anwesenden zu öffnen.“
„Wozu das denn?“ Moritz hatte die Unterlagen zum Haus bereits vor sich ausgebreitet und fuhr mit dem Finger über die Zeilen. „Was soll dieser Umschlag? Ist mein Vater am Ende völlig wunderlich geworden?“
„Das entspricht dem letzten Willen des Verstorbenen“, entgegnete der Notar und schob Karoline einen vergilbten Umschlag mit rotem Wachssiegel zu.
Antonia beugte sich zu Moritz, flüsterte ihm etwas ins Ohr. Er grinste und nickte. Dann sagte sie lauter:
„Schatz, wir verkaufen das Haus am besten sofort. Für eine Wohnung in der Innenstadt reicht es locker, und ein Auto ist auch noch drin. Oder wir gehen gleich nach Sylt – dort steigen die Preise doch gerade enorm.“
Karoline brach das Siegel auf und entfaltete das Blatt. Die Handschrift ihres Schwiegervaters war groß, zittrig, die Buchstaben tanzten ungleichmäßig. Schon der erste Satz traf sie wie ein Schlag, ihr wurde schwindelig.
„Meine liebe Karoline, ich wusste alles. Von Antonia. Davon, wie er dich verlassen hat, während ich noch lebend im Bett lag. Ich wusste, dass du dein letztes Geld für meine Medikamente ausgegeben hast, während er mit seiner neuen Geliebten in Restaurants saß.“
Zweiunddreißig Jahre hatte Karoline im Brotladen gearbeitet, die letzten fünfzehn davon ihren Schwiegervater gepflegt. Ihr Mann war kaum je gekommen – er habe es nicht ertragen können, sagte er, sein Herz mache das nicht mit. Zum Angeln mit Freunden jedoch reichte dieses Herz problemlos, ebenso für lange Abende im Café.
Karoline wechselte Bettwäsche, drehte den alten Mann vorsichtig, las ihm Zeitungen vor, als seine Augen schlechter wurden, und zählte jeden Euro für Tabletten und Salben. Währenddessen rechnete Moritz aus, wie lange es wohl noch dauern würde, bis alles vorbei war.
Der Schwiegervater war schweigsam und mürrisch, Dankesworte waren selten. Doch etwa einen Monat vor seinem Tod ließ er Karoline zu sich rufen und bat sie, die alte Truhe aus der Abstellkammer zu holen. Lange wühlte er zwischen Stechbeiteln und Hobeln, bis er schließlich einen zerknitterten Umschlag hervorholte.
„Karoline, du bist ein guter Mensch“, sagte er leise, und zum ersten Mal seit all den Jahren lag Wärme in seinem Blick. „Nicht so wie er. Ich werde alles richtig regeln. Aber Moritz darf kein Wort davon erfahren.“
Eine Woche später erschien der Notar. Der alte Mann diktierte sein Testament, Karoline unterschrieb einige Papiere als Zeugin, ohne sie genau zu lesen. Drei Wochen danach war ihr Schwiegervater tot.
Auf der Beerdigung vergoss Moritz keine Träne, er nickte lediglich mechanisch zu den Beileidsbekundungen – und Karoline spürte bereits dort, dass dieser Tag nur der Anfang von etwas war, das ihr Leben endgültig verändern würde.
