„Christian, bist du das?“ flüsterte sie verzweifelt, während das Telefon schweigend weiterläutete

Diese schleppende Ungewissheit ist grausam, unerträglich.
Geschichten

In seinem Blick lag etwas Neues. Keine Freude – dafür war es zu früh. Eher ein stilles Erkennen.

„Hallo“, murmelte er. Die Stimme war rau, kaum mehr als ein Hauch.

„Wie geht es dir?“

Er bewegte den Kopf minimal. Vielleicht ein „Ich weiß es nicht“. Vielleicht auch: „Frag nicht.“

„Ich war die ganze Zeit hier“, sagte ich. „Fünf Tage lang.“

Wieder dieses lange, prüfende Ansehen.

„Ich weiß“, antwortete er.

Ein seltsamer Satz. Er war bewusstlos gewesen.

„Woher denn?“, fragte ich.

Seine Lider senkten sich. Ich dachte schon, er driftete wieder weg. Doch ganz leise, fast nur an der Bewegung seiner Lippen zu erkennen, sagte er:

„Ich habe dich gehört.“

Die Geräte neben dem Bett piepsten in gleichmäßigem Rhythmus. Draußen lag das fahle Novemberlicht über dem Klinikparkplatz.

„Christian“, begann ich vorsichtig. „Du hast mich angerufen. Zweimal. Mitten in der Nacht.“

Er öffnete die Augen erneut. Sein Blick wirkte erschöpft, aber klar – wie der eines Menschen, der sehr weit fort war und gerade erst zurückgekehrt ist.

„Daran erinnere ich mich nicht“, sagte er.

„Das dachte ich mir.“

„Aber wenn ich angerufen habe…“ Er holte mühsam Luft. „Dann wollte ich dir wohl etwas sagen.“

„Und was?“

Eine Pause.

„Geh nicht.“

Ich umschloss seine Hand fester als zuvor.

„Ich bleibe“, sagte ich.

Zwei Wochen später kam er auf eine normale Station, drei Wochen danach durfte er nach Hause. Mit einer Tüte voller Medikamente, einem Terminplan für die Reha und dem ärztlichen Rat, Stress konsequent zu vermeiden – was bei einem Mann, der vier Firmen gegründet hatte, beinahe wie Ironie klang. Wir taten beide so, als sei es eine realistische Vorgabe.

Am ersten Abend saß Christian auf dem Sofa und schaute lange aus dem Fenster. Ich brachte ihm Tee.

„Hättest du gern Frikadellen?“, fragte ich.

Er hob den Kopf.

„Du wusstest es, oder?“

„Natürlich.“

Zum ersten Mal seit anderthalb Monaten lachte er. Leise, vorsichtig – früher hatte sein Lachen das ganze Treppenhaus erfüllt. Aber es war sein Lachen.

„Ja“, sagte er. „Frikadellen wären perfekt.“

Ich ging in die Küche.

„Hannah“, rief er.

„Ja?“

„Im März möchte ich nach Portugal.“

Ich blieb im Türrahmen stehen.

„Es ist noch etwas kühl dann“, fuhr er fort. „Aber weniger Touristen. Und das Meer ist großartig.“

„Gut“, antwortete ich. „Im März also.“

„Keine Diskussion über Kosten?“

„Nein.“

„Wirklich nicht?“

Ich lächelte. „Ich buche morgen die Tickets. Sag mir nur, von welchem Flughafen.“

Eine kurze Stille.

„Frankfurt. Da gibt es einen Direktflug.“

„Abgemacht.“

Während ich in der Pfanne die Frikadellen wendete, hörte ich ihn aus dem Wohnzimmer reden – vom Hotel, von diesen kleinen Puddingtörtchen, Pastéis de Nata, und davon, dass man in Lissabon unbedingt mit der alten Straßenbahn fahren müsse. Seine Stimme klang noch brüchig, aber lebendig.

Mein Handy lag auf der Fensterbank. Die beiden nächtlichen Anrufe hatte ich nie gelöscht. Manchmal öffne ich die Liste und sehe sie mir an.

Einunddreißig Sekunden. Dreißig Sekunden.

Ich weiß nicht, was es war. Ein technischer Fehler. Zufall. Oder etwas, für das mir die Sprache fehlt.

Aber ich weiß noch genau, wie das Telefon um 23:14 Uhr im Krankenhausflur vibrierte und auf dem Display „Christian“ stand. Ich habe abgenommen.

Und es war richtig.

Im März flogen wir nach Lissabon.

Christian ging langsamer als früher, legte zwischendurch Pausen ein. Wir hatten Zeit. Tranken Espresso aus winzigen Tassen in schmalen Cafés. Aßen warme Pastéis de Nata mit Zimt. Fuhren mit der Linie 28 durch die engen Gassen und sahen zu, wie sich die Stadt die Hügel hinaufzog.

Am letzten Tag machten wir uns auf den Weg zum Cabo da Roca, dem westlichsten Punkt Europas. Dahinter nur noch Atlantik.

Der Wind war stark, salzig auf den Lippen. Wir standen am Geländer, und Christian griff nach meiner Hand.

„Und?“, fragte er.

Ich blickte auf das Wasser hinaus – dunkelblau, weit, ohne Ende.

„Unfassbar groß“, sagte ich.

„Hab ich doch gesagt.“

Eine Weile schwiegen wir.

„Christian“, begann ich schließlich. „Erinnerst du dich wirklich an nichts? Von dort?“

Er wusste, was ich meinte. Er dachte lange nach.

„Es war dunkel“, sagte er dann langsam. „Und kalt. Und irgendwann habe ich deine Stimme gehört. Du hast gesagt: ‚Ich bleibe.‘ Danach wurde es wärmer.“

Ich antwortete nicht.

„Vielleicht nur ein Traum“, fügte er hinzu.

„Vielleicht.“

Das Meer rauschte unter uns. Er hielt meine Hand fest.

„Hannah.“

„Ja?“

„Danke, dass du rangegangen bist.“

Ich sah ihn an, dann wieder auf den Horizont.

„Du hast doch angerufen“, sagte ich.

Er nickte leicht. „Ja. Aber du hast abgenommen.“

Stimmt. Ich habe es getan.

Warum, weiß ich nicht. Ich habe einfach reagiert.

Und vielleicht ist genau das entscheidend – nicht, wer anruft und aus welcher Ferne, sondern dass jemand antwortet. Dass jemand da ist. Wartet.

Und nicht geht.

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