Um 23:14 vibrierte mein Handy in der Tasche meines Cardigans. Ich saß auf der harten Bank im Klinikflur, trank lauwarmen Tee aus einem Pappbecher und starrte auf die rissigen, halb abgeplatzten Fliesen gegenüber. Ohne nachzudenken zog ich das Telefon hervor – und erstarrte.
Auf dem Display stand: „Christian Krause“.
Mein Blick schnellte zur Tür der Intensivstation. Geschlossen. Dahinter lag mein Mann. Ein Schlauch in der Luftröhre, Infusionen im Arm, bewusstlos. So hatte man es mir vor drei Stunden erklärt. Der Neurochirurg in blauen Überschuhen hatte kaum aufgesehen, als er sagte: „Der Zustand ist kritisch, aber stabil kritisch. Sie müssen warten.“
Also wartete ich. Ich ging nirgendwohin. Nicht einmal meine Strickjacke zog ich aus, obwohl sie unbequem war – auf dem Gang war es kalt.
Das Handy vibrierte weiter.

Ich nahm den Anruf an.
„Hallo?“ Meine eigene Stimme klang fremd in meinen Ohren.
Stille. Dann ein Geräusch – vielleicht Atmen. Vielleicht nur ein Rauschen in der Leitung. Vielleicht bildete ich es mir ein.
„Christian?“
Keine Antwort.
Ich zog das Telefon vom Ohr und starrte auf das Display. Der Anruf lief noch. Dreiundzwanzig Sekunden. Vierundzwanzig.
„Christian, bist du das?“
Nichts.
Ich beendete das Gespräch. Meine Hände zitterten nicht – ich überprüfte es bewusst. Ich saß einfach da und sah auf das Display. Dann wählte ich seine Nummer selbst. Freizeichen. Endlos. Niemand meldete sich.
Der Flur war beinahe lautlos. Irgendwo in einem anderen Gebäudeteil weinte ein Kind. Eine Reinigungskraft schob einen Wagen vorbei; die Räder quietschten bei jeder Umdrehung.
Ich stand auf und trat an den Tresen der Pflegekräfte.
„Entschuldigung“, begann ich. „Mein Mann, Christian Krause, wurde heute gegen zwanzig Uhr eingeliefert. Liegt er mit seinem Handy bei sich?“
Die junge Schwester mit den müden Augen sah mich über den Rand ihrer Brille hinweg an.
„Persönliche Gegenstände werden bei der Aufnahme verwahrt. Auch Mobiltelefone.“
„Das heißt, es ist nicht bei ihm?“
„Nein.“
„Danke.“
Ich kehrte auf meinen Platz zurück.
Der Rettungswagen hatte Christian um 19:40 gebracht. Ich war zu Hause gewesen und hatte Frikadellen gebraten. Unsere Nachbarin Dorothea Roth aus dem Erdgeschoss rief an – sie hatte gesehen, wie man ihn zwischen dem ersten und zweiten Stock auf einer Trage hinuntertrug. Er war auf dem Heimweg von der Arbeit zusammengebrochen.
Ich stellte den Herd aus und fuhr sofort los.
In der Notaufnahme ließ man mich vierzig Minuten warten, bis der diensthabende Arzt erschien. Ein junger Mann, fast noch ein Junge, mit dunklen Schatten unter den Augen.
„Ihr Ehemann?“
„Ja.“
„Eine Hirnblutung. Wir mussten zwei Stunden operieren. Er liegt jetzt auf der Intensivstation und wird beatmet. Der Zustand ist ernst.“
Ich nickte. Seltsamerweise kamen keine Tränen. Ich nickte nur und fragte:
„Wird er überleben?“
Der Arzt sah zur Seite.
„Wir tun alles, was in unserer Macht steht.“
Keine echte Antwort. Das wusste ich. Aber ich stellte keine weitere Frage.
Um 23:40 öffnete ich erneut die Anrufliste. Dort war er: eingehend um 23:14, Dauer einunddreißig Sekunden. Christians persönliche Nummer, die ich im Schlaf aufsagen konnte.
Ich rief seine Schwester Franziska Schäfer in Stuttgart an. Ich hatte sie bereits informiert.
„Franziska, kannst du irgendwie auf sein Handy zugreifen? Über den Anbieter vielleicht? Prüfen, ob er nach acht noch jemanden angerufen hat?“
„Wie soll ich das machen? Er liegt doch im Krankenhaus.“
„Ihr hattet doch mal einen gemeinsamen Tarif.“
„Schon lange nicht mehr. Hannah, geht es dir gut? Hast du überhaupt etwas gegessen?“
„Ja. Alles in Ordnung.“
„Soll ich kommen? Ich könnte morgen früh einen Flug nehmen.“
„Noch nicht. Warte bitte.“
Ich legte auf. Am anderen Ende des Flurs tauchte ein Mann um die fünfzig auf, mit einer Jacke und einer Plastiktüte in der Hand. Er sprach leise mit der Schwester und setzte sich dann mir gegenüber. Wir mieden einander den Blick. Hier schaut man sich nicht an. Hier wartet jeder auf sein eigenes Schicksal.
Kurz nach Mitternacht muss ich eingenickt sein. Mein Kopf sank zur Seite, und ich sah Christian vor mir – wie er in unserer Küche stand und die Frikadellen direkt aus der Pfanne aß, überzeugt davon, ich würde es nicht bemerken. Ich bemerkte es immer. Ich sagte nur nichts.
Das Klingeln riss mich aus dem Halbschlaf.
02:07. Eingehender Anruf. Christians Nummer.
Ich drückte so hastig auf „Annehmen“, dass mir das Telefon beinahe entglitt.
„Christian!“
Wieder diese Stille. Dieses kaum greifbare Geräusch – Atem? Elektrisches Rauschen? Und dann, da bin ich mir fast sicher, etwas wie eine Silbe. Sehr leise. Kaum hörbar.
„Was? Christian, sprich lauter. Ich höre dich. Bitte.“
Keine Antwort.
Die Verbindung brach ab.
Ich sprang auf und ging schnellen Schrittes zum Tresen. Diesmal saß dort eine ältere Schwester mit strengem Blick.
„Ich muss auf die Intensivstation“, sagte ich. „Bitte.“
„Besuche sind erst ab neun Uhr möglich, mit Genehmigung des Chefarztes.“
„Ich muss jetzt hinein. Sie verstehen nicht – er ruft mich an.“
Die Schwester musterte mich lange, als überlege sie, wie sie auf diese Worte reagieren sollte.
