„Ganz normal, sagst du?“ Hartmanns Blick ließ keinen Zweifel daran, dass er diese Einschätzung nicht teilte. „Warst du überhaupt vor Ort und hast dir selbst ein Bild gemacht? Hast du die Arbeitsverträge kontrolliert? Oder wenigstens Kopien gesehen?“
Er erhob sich langsam von seinem Stuhl. In diesem Moment wirkte er größer, als er tatsächlich war. „Ich gebe die Akte zur erneuten Prüfung zurück. Neue Erkenntnisse zwingen uns dazu. Und wenn nicht spätestens in einer Stunde ein Einsatzteam dort auf der Matte steht, informiere ich persönlich die Staatsanwaltschaft.“
Ben Lehmann wurde blass. Wortlos schnappte er sich den Ordner und verließ hastig das Büro.
Johanna Huber blieb reglos sitzen. Erst als die Tür ins Schloss fiel, begannen Tränen über ihr Gesicht zu laufen und hinterließen helle Spuren auf der staubigen Haut.
Stefan Hartmann öffnete eine Schublade und zog eine abgegriffene Visitenkarte hervor. Es war die private Nummer seiner Tochter Marie.
„Hör mir gut zu, Johanna“, sagte er ruhiger. „Meine Tochter arbeitet in Köln in einem Architekturbüro. Sie betreuen derzeit ein großes Projekt mit Investoren aus den Emiraten und Partnern aus China. Sie suchen dringend jemanden, der nicht nur übersetzt, sondern kulturelle Nuancen versteht.“
Er legte ihr die Karte in die Hand.
„Ich rufe sie gleich an und sage ihr, dass ich jemanden Außergewöhnlichen für sie gefunden habe. Aber du musst mir etwas versprechen.“
„Was denn?“, fragte sie leise.
„Wenn du deinen ersten großen Vertrag unterschreibst, sorg dafür, dass deine Mutter die Medikamente bekommt, die sie braucht. Und …“ Er räusperte sich. „Und kauf dir ordentliche Schuhe. Unsere Winter hier sind lang.“
Fünf Monate vergingen.
Der Frühling in Chemnitz war nass, grau und laut vom Schmelzwasser. Hartmann bereitete sich auf seinen Ruhestand vor und sortierte alte Unterlagen, als es klopfte.
Eine junge Frau trat ein. Beiger Trenchcoat, elegante Ledertasche, selbstbewusste Haltung. Sie wirkte erfolgreich – nur die wachen Augen waren dieselben geblieben.
„Herr Hartmann“, sagte Johanna mit einem Lächeln. „Ich bin nur kurz hier. Morgen fliege ich nach Shanghai zu einer Konferenz und wollte Sie unbedingt noch sehen.“
Sie stellte einen Korb mit exotischen Früchten auf den Tisch und reichte ihm einen Umschlag.
„Fotos aus dem Rehazentrum. Meine Mutter war in der besten Klinik in Köln. Die Therapie hat angeschlagen – sie geht wieder allein, die Schwäche ist fast verschwunden.“
Dann berührte sie sanft seine Schulter.
„Danke, dass Sie damals nicht einfach unterschrieben haben.“
Nachdem sie gegangen war, blieb Hartmann lange schweigend sitzen. Schließlich nahm er sein Handy zur Hand und wählte eine Nummer, die er seit Monaten nicht angerufen hatte.
„Marie? Hallo, hier ist Papa. Mir geht es gut … Erzähl, wie läuft es bei dir?“
Draußen tropfte das Tauwasser von den Dachrinnen, und zum ersten Mal seit Langem hatte Stefan Hartmann das Gefühl, im entscheidenden Moment richtig gehandelt zu haben.
