„Glauben Sie ernsthaft, ich werde jetzt sentimental und stelle Ihnen einen Kurantrag aus, statt die Abschiebung zu veranlassen?“ drohte er und schleuderte die abgegriffene Akte auf den Schreibtisch

Diese kalte Bürokratie ist unerträglich und herzlos.
Geschichten

Ohne den Blick von Stefan Hartmann abzuwenden, fuhr Johanna fort.

„C’est injuste de juger sans savoir, Monsieur le Juge. La vie est parfois plus compliquée qu’un protocole de police“, sagte sie mit weichem, klangvollem Französisch.

Kaum verklungen, wechselte sie ins Deutsche – präzise, fast kühl in der Artikulation. Danach folgte Spanisch, lebhaft und fließend wie ein Gebirgsbach. Italienisch schloss sich an, warm und rhythmisch.

Stefan Hartmann hörte zu, und in seinem Gesicht arbeitete es. Er verstand nicht jede Silbe, doch er erkannte, dass hier nichts Auswendig Gelerntes vorgetragen wurde. Diese Sprachen waren kein Kunststück – sie waren Teil von ihr, atmend, selbstverständlich.

Als Johanna schließlich in ein kehliges Arabisch glitt und unmittelbar darauf in melodisches Türkisch, öffnete sich die Tür einen Spalt. Ben Lehmann blieb auf der Schwelle stehen, den Mund halb offen. Selbst im Vorzimmer verstummte das Tippen der Sekretärin.

„Hindi, Farsi – und meine Muttersprache“, beendete Johanna ruhig. „Zehn verschiedene Welten, Herr Hartmann. Und in keiner davon wurde ich zuerst als Mensch betrachtet. Immer war es mein Pass, der vor mir den Raum betrat.“

Eine dichte Stille legte sich über das Büro. Man hörte nur das leise Surren der Neonröhre an der Decke.

Hartmann nahm langsam seine Brille ab. Vor ihm stand keine bloße Aktennummer mehr, keine „ausreisepflichtige Person“. Er sah eine junge Frau, die in keine seiner Formularspalten passte.

Unwillkürlich dachte er an seine Tochter Marie. Seit Jahren lernte sie Sprachen, hatte Privatunterricht, war auf Sprachreisen gewesen – und sprach dennoch mit hörbarem Akzent. Und hier stand diese Frau, offenbar unter schwierigsten Bedingungen groß geworden, und trug zehn Sprachen in sich wie selbstverständlich geschliffene Werkzeuge.

„Herr Hartmann“, mischte sich Ben Lehmann ein und trat nun ganz ein, die Stimme vorsichtiger als sonst. „Beeindruckend ist das ja. Aber… das ändert doch nichts an der Sachlage. Der Verstoß bleibt bestehen. Soll ich die Anzeige fertig machen?“

Hartmann wandte sich langsam zu ihm um. In diesem Moment wirkte der Streifenbeamte erstaunlich klein, beinahe farblos.

„Lehmann“, sagte Hartmann leise, „warum hast du im Protokoll nicht vermerkt, dass sie keine Dokumente bei sich hatte?“

„Sie behauptete, man hätte ihr die Papiere abgenommen. Das erzählen viele.“

„Nein“, entgegnete Hartmann scharf. „Wenn Ausweisdokumente von Dritten einbehalten werden – möglicherweise unter Druck –, dann sprechen wir nicht mehr von einer simplen Ordnungswidrigkeit. Dann bewegen wir uns im Bereich von § 232 – Menschenhandel.“

Lehmann schluckte sichtbar.

„Herr Hartmann, das ist doch überzogen. Das ist ein ganz normales Café…“

„Ganz normal, sagst du?“ Hartmann richtete sich auf, und in seiner Stimme lag plötzlich ein Ton, der keinen Widerspruch duldete.

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