Ihre Hände wirkten älter, als sie war – aufgesprungen, rau von Kälte und scharfen Reinigungsmitteln, die Haut rissig, die Nägel bis auf das Fleisch gekürzt.
„Den Pass haben sie mir gleich am ersten Tag abgenommen“, begann sie leise. „Man versprach mir eine Stelle als Betreuerin für eine ältere Dame. Stattdessen brachte man mich in dieses Rasthaus an der Bundesstraße. Handy weg, Ausweis weg. Und dann hieß es: ‚Arbeite erst die Fahrtkosten ab, danach bekommst du alles zurück.‘ Ich wollte fort, wirklich. Aber wohin? Draußen Frost, Felder, nichts als Wind. Die nächste Stadt liegt vierzig Kilometer entfernt. Und zu Hause wartet meine Mutter.“
Sie schluckte. „Sie ist schwer krank. Unheilbar. In drei Monaten braucht sie eine teure Therapie. Wenn ich kein Geld schicke, erlebt sie den nächsten Winter nicht.“
Stefan Hartmann zog die Augenbrauen zusammen. „Ohne Ausweis Überweisungen tätigen? Wie soll das funktioniert haben?“
„Der Koch hat geholfen“, antwortete Johanna Huber. „Ein anständiger Mann aus der Gegend. Ich gab ihm meinen Lohn, er überwies das Geld von seinem Konto an die Nachbarin meiner Mutter. Einen kleinen Anteil behielt er für sich – als Absicherung, sagte er. So ging es Monat für Monat.“
Ein unangenehmes Ziehen regte sich in Hartmann. Eine alte, längst verdrängte Abneigung gegen ein System, das solche Geschichten möglich machte – und gegen seine eigene Rolle darin.
„Und was hatten Sie vor?“, fragte er schärfer, als beabsichtigt. „Mit Ihren angeblichen Sprachkenntnissen hier Karriere machen? Geschirr spülen können Sie auch legal.“
Ein bitteres Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Ich wollte zur Botschaft. Oder mich bei einem größeren Unternehmen bewerben. Sehen Sie, Herr Richter – ich ‚verstehe‘ nicht nur Deutsch. Ich habe mein Studium mit Auszeichnung abgeschlossen.“
Er lehnte sich zurück, verschränkte die Arme. „Natürlich. Und welcher Fachbereich?“
„Linguistik.“
„Aha. Englisch mit Wörterbuch?“
Sie sah ihm ruhig entgegen. „Ich spreche zehn Sprachen.“
Hartmann stieß ein trockenes Lachen aus. „Zehn? Wissen Sie eigentlich, was das bedeutet? In drei Jahrzehnten habe ich Professoren erlebt, die bei der zweiten Fremdsprache ins Stocken geraten. Und Sie – eine Küchenhilfe von der Landstraße – wollen mir erzählen…“
Johanna richtete sich langsam auf. Für einen Moment wirkte die abgetragene Jacke auf ihren Schultern wie ein akademischer Talar.
„Tell me, please, do you really believe that a person’s value is measured by the dirt on their shoes?“ sagte sie in makellosem, beinahe britischem Englisch.
Stefan Hartmann verstummte. Der Stift in seiner Hand, mit dem er eben noch die Abschiebungsverfügung unterzeichnen wollte, verharrte reglos über dem Formular.
