— Frau Huber, worauf spekulieren Sie eigentlich? Glauben Sie ernsthaft, ich werde jetzt sentimental und stelle Ihnen einen Kurantrag aus, statt die Abschiebung zu veranlassen?
Stefan Hartmann schleuderte die abgegriffene Akte auf den Schreibtisch. Eine Büroklammer sprang heraus, hüpfte über die polierte Fläche und kam mit einem trockenen Klicken zum Stillstand. Im Zimmer lag der Geruch von feuchtem Papier, altem Holz und geschmolzenem Schnee, der von draußen hereingetragen worden war und sich in den überquellenden Aktenbergen zu sammeln schien. Seit zwei Tagen tobte über Chemnitz ein Schneesturm aus dem Erzgebirge und häufte weiße Massen bis zu den Vordächern der Häuser auf.
Hartmann hatte in drei Jahrzehnten im Dienst gelernt, Menschen mit einem Blick einzuschätzen. Vor ihm saß scheinbar ein Routinefall: zu weite Jacke, abgetragene Schuhe, gesenkter Blick.
— Herr Hartmann, wozu das Ganze hinauszögern? — Ben Lehmann, der junge Streifenbeamte mit vom Frost gerötetem Gesicht, trat unruhig von einem Fuß auf den anderen. — Wir haben sie im Rasthof „Zodiak“ draußen an der Bundesstraße aufgegriffen. Hat Geschirr gespült und Böden geschrubbt. Keine gültige Arbeitserlaubnis, Anmeldung gefälscht. Der Tatbestand ist eindeutig, wir leiten die Ausweisung ein. Mein Wagen läuft unten, und der Tank leert sich auf Staatskosten.
Hartmann reagierte nicht sofort. Stattdessen griff er nach seiner Tasse, auf der einmal „Für den besten Papa“ gestanden hatte. Die Schrift war fast verschwunden — so verblasst wie sein Verhältnis zu seiner Tochter Marie Huber. Sie lebte inzwischen in Köln, arbeitete in einem renommierten Übersetzungsbüro und meldete sich vielleicht alle paar Monate mit einer höflichen Nachfrage nach seinem Befinden.

— Setzen Sie sich, Frau Huber, — sagte er schließlich und deutete auf den harten Stuhl gegenüber. — Verstehen Sie Deutsch, oder soll ich jemanden zum Dolmetschen holen?
Die junge Frau hob den Kopf. In ihrem Gesicht lag die Erschöpfung eines Menschen, der gerade an eine unsichtbare Grenze gestoßen ist.
— Ich verstehe alles, — erwiderte sie leise. Ihre Aussprache war klar, ohne den geringsten Fehler. — Einen Übersetzer brauche ich nicht.
Lehmann schnaubte und zog sein Handy hervor.
— Das sagen sie immer, wenn’s eng wird. Und später heißt es plötzlich, sie hätten kein Wort verstanden. Unterschreiben Sie doch einfach, Herr Hartmann, mein Soll wartet nicht.
— Lehmann, gehen Sie vor die Tür. Rauchen Sie eine, — sagte Hartmann knapp.
— Aber…
— Jetzt.
Die Tür fiel ins Schloss, und Stille breitete sich aus. Hartmann musterte die Frau erneut.
— Johanna Huber, sechsundzwanzig Jahre alt. Ohne gültige Papiere. Und dann ausgerechnet so ein Ort. Sie wirken nicht wie jemand, der freiwillig in einer Abstellkammer neben einer Großküche lebt.
Johanna Huber senkte den Blick, legte langsam die Hände auf ihre Knie und schwieg einen Moment, bevor sie zu sprechen begann.
